Ingrid Huber: „Mein Körper hat mich geführt“

Ingrid Huber ist keine Aussteigerin. Sie ist gar nie eingestiegen, ins Leben der hunderttausend Kompromisse und Zugeständnisse. Unter vielem, was sie macht, kann man sich zunächst einmal wenig vorstellen: Integrative Körperarbeit. Healing Songs. Von Herzen singen. Trainerin für Stimmentfaltung. Ein Mitsing-Konzert … 

Ingrid Huber (Foto: Danila Amodeo Photography)Musiziert hat Ingrid „schon immer“, Bewegung, das Körpergefühl waren ihr auch wichtig. Da lag es für sie, die „am liebsten schon mit sechzehn von zu Hause losgezogen“ wäre, nahe, nach dem Abitur zumindest einmal nach Wien zu gehen und dort Musik- und Bewegungspädagogik zu studieren. Eine ständig wiederkehrende Angina und diverse Allergien waren während dieser Zeit der Anstoß dafür, sich intensiv mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen, sich für verschiedene Formen der Energiearbeit und komplementär-medizinische Heilungsmethoden zu interessieren.

Nach Kalifornien, um eine „gute Hexe“ zu werden
„Ich gehe nach Kalifornien, weil ich eine gute Hexe werden will.“ Dieser Entschluss nach dem Studium kam für Ingrid buchstäblich „aus dem Hals heraus“, nach einer akuten Mandelentzündung. „Ich wollte das Heilen lernen und herausfinden, wie Gesundheit und Krankheit eigentlich entstehen“. Nach einem halben Jahr Vorbereitung, in dem sie als Restauratorin jobbte, um Geld für die Reise zu verdienen, machte sie sich auf, ins Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten. Warum USA? Wer sich für das alternative Heilen interessiert, orientiert sich üblicherweise doch eher Richtung Asien. „Ich wollte nicht zurück in die Tradition, sondern suchte eine zeitgemäße moderne Weise, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen“, erklärt Ingrid. Kalifornien schien ihr dafür ein guter Platz zu sein, und so packte sie ihr Akkordeon ein und machte sich auf nach Los Angeles, wo sie die erste Zeit bei einer hilfsbereiten und gastfreundlichen Dame unterkam, die sie ein paar Monate zuvor beim Urlaub auf Kreta kennen gelernt hatte. Nach ein paar Wochen der Suche und einem Umzug nach San Francisco stieß sie auf das  Ingrid Huber (Foto: Danila Amodeo Photography))Esalen Institut an der Küste Kaliforniens, wo sich seit den 1960er Jahren aus der Human Potential Bewegung heraus die Esalen Massage und Bodywork entwickelt hatte. „Das ist es!“ beschloss Ingrid und hatte das Glück, einen Job in der Küche des Zentrums zu finden. Als Gegenleistung durfte sie die Ausbildung machen. „Die Zeit war wundervoll, ich war erfüllt und inspiriert von den Begegnungen mit herausragenden Lehrern und Lehrerinnen für Körperarbeit, Meditation, Therapie und Spiritualität“, erzählt sie. Nach einer kurzen Rückkehr nach Wien ging sie in die USA zurück und schloss eine Ausbildung zum Practitioner of Body-Mind Centering in Massachusetts an.
In den USA hat sie sich wohlgefühlt, nach Europa keinerlei Heimweh verspürt. Die Bürokratie, die unendlichen Mühen und Schwierigkeiten, die man in Kauf nehmen muss, um eine Green Card zu erhalten, waren schließlich der Grund, doch wieder nach Wien zurückzukehren. „Ich bin bewusst als Europäerin nach Europa zurückgekehrt“, betont sie. „Ich dachte, es könnte ja meine Aufgabe sein, die Weite, die ich in den USA erlebt habe, nach Europa zu bringen. So bin ich an die Sache herangegangen und das fühlt sich heute noch stimmig an!“

Körperarbeit und Singen
Logisch wäre nach ihrer Ausbildung eine Arbeit als Musikschulpädagogin gewesen. Diesen Weg hat sie anfangs auch eingeschlagen, jedoch sehr bald entschieden, sich selbständig zu machen. Mittlerweile hat sie zwei Standbeine: Einerseits die Integrative Körperarbeit, in der sie mittels Berührungen, Gesprächen, einer aus den verschiedenen Ausbildungen und Erfahrungen in Zusammenarbeit mit einem Partner entwickelten Methode ihre Klienten zu einer „Kommunikation mit dem eigenen Körper auf sehr tiefer Ebene“ begleitet. Der Körper biete sehr viele individuelle Antworten – „wir können unglaublich viel Information aus uns selbst schöpfen“, sagt sie. Sie betreut neben Einzelkunden auch Gruppen und arbeitet zum Beispiel für Krankenhäuser, wo ihre Arbeit den oft physisch und psychisch belasteten Angestellten helfe, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und besser auf sich zu achten.

Daneben veranstaltet sie Singabende, wo es in erster Linie ums gemeinsame Erlebnis, den Akt des Singens geht: „Alle können teilhaben, man muss keine Noten lesen können und auch nicht besonders musikalisch sein“, sagt Ingrid, „die Freude am Singen lässt die Dankbarkeit fürs Leben und die Offenheit der Herzen wachsen!“ In ihren Workshops und Einzeltrainings verbindet sie ihren speziellen Zugang zur Körperarbeit mit dem Singen und Tönen und möchte damit den Teilnehmern wiederum helfen, einen Zugang zu ihrem Körper, ihrer Stimme, ihrer Gesundheit zu finden.

Neben traditionellen überlieferten Liedern aus verschiedenen Kulturen komponiert sie ihre „Healing Songs“ auch selbst. Das freie Improvisieren bestimmt ihre Art des Musikmachens – auch vor Publikum.
Wie lebt man mit mehreren, selbst kreierten Berufen? „Mein Leben ist reich, vielfältig und erfüllt!“ Was Ingrid macht, macht sie gern und ohne Kompromisse. Auf einen Kompromiss hat sie sich trotzdem eingelassen: Sie lebt – obwohl sie sich selbst als Nomadin sieht – mit ihrem Mann und ihren beiden Jungs, die 11 und 13 Jahre alt sind, schon seit 15 Jahren in Graz. Der jüngere Sohn ist übrigens dafür verantwortlich, dass die Familie ein Haus mit Garten bewohnt: „Er hat mir schon im Bauch zu verstehen gegeben, dass er die Geborgenheit, die Sesshaftigkeit braucht. Unsere Studentenwohnung, in der wir zu dieser Zeit gewohnt haben, wäre nichts für ihn gewesen.“ Ingrid genießt das schöne Wohnen und den Garten, betrachtet es aber als Geschenk auf Zeit: „Besitz ist kann vergänglich sein. Wir können uns niemals 100prozentig sicher sein, wo wir leben, was wir besitzen und wohin uns das Leben trägt. Angesichts der Flüchtlingsthematik ist mir das auch in Bezug auf mein Leben sehr stark zu Bewusstsein gekommen!“

Zum Reinhören: Paradise Now! 12 Healingsongs von Ingrid Huber.

Mehr Info zur Integrativen Körperarbeit: http://www.momente.cc

Ingrid Huber (Foto: Ingrid Huber (Foto: Danila Amodeo Photography)

Flüchtlinge: Wie man helfen kann

Spendenaufrufe und Solidaritätskundgebungen auf Facebook teilen, Hasspostings kontern, spenden, Deutschkurse geben… können wir helfen, die Situation der Flüchtlinge in Österreich zu verbessern? Ja. Aber wir haben auch gewählt und dürfen uns erwarten, dass jene, die unser Mandat haben, etwas tun.

Mehr als 70 Menschen sind gestern in einem LKW an der burgenländisch-ungarischen Grenze gefunden worden. Tot. Seit mehreren Tagen schon. Und was sie vor ihrem Tod erlebt haben, möchten wir uns lieber nicht vorstellen. Rund um mich herum: Betroffenheit. Solidaritätskundgebungen, Leserbriefe und Postings, die zum Ausdruck bringen, wie grauenhaft, wie inakzeptabel diese Situation ist.

Manches teile ich auf Facebook, bei manchem Aufruf zur Hilfe beteilige ich mich. Doch das Gefühl, eigentlich nichts getan zu haben, etwas tun zu müssen, was die Situation grundlegend ändert, bleibt. Wir bringen KIeidung, Spielsachen, Koffer und andere Dinge, die wir ohnehin nicht mehr brauchen, zu einer Sammelstelle. Nach langer Überlegung. Denn auch in der unmittelbaren Umgebung sind Flüchtlinge untergebracht, man könnte sie auch direkt besuchen. Doch was dann? Werden sie die Sachen aufteilen? Brauchen sie überhaupt alles, was gebracht wird? Man sieht die Müllberge in Traiskirchen und beginnt zu zweifeln. Organisierte Spenden, beziehungsweise eine gezielte, organisierte Verteilung ist wahrscheinlich besser und zielführender als gut gemeinte private Initiativen.

Andererseits: Jeder kann helfen, wie eine Freundin eindrucksvoll bewiesen hat: Sie hat Willkommenspakete für mehr als 100 Männer organisiert und ihnen überreicht. Die Männer sind derzeit in zwei Linzer Schulen untergebracht. Ganz bewusst hat sie die unmittelbare Umgebung eingebunden und so vielleicht dazu beigetragen, dass sich die ängstliche, abwehrende Haltung des einen oder anderen zu einer wohlwollenden, verständnisvollen wandelt. Jede positive Geste den vielen Menschen gegenüber, die so Schlimmes erlebt haben und nach Europa kommen, in der Hoffnung, hier neu anfangen zu können, ist gut. Auch wenn wir uns nicht annähernd vorstellen können, was diese Menschen erlebt haben, so ist doch klar: Ankommen, das Erlebte verarbeiten, mit viel Kraft einen neuen Anfang wagen trotz vieler Schwierigkeiten ist leichter, wenn man willkommen ist. Wenn man ein Lächeln zur Begrüßung sieht, vielleicht ein kleines Willkommenspaket erhält und einen trockenen, sauberen, sicheren Platz zum Schlafen hat.

„Wir haben gewählt“, sagt mein Mann, „und ich darf mir von jenen, die unser Mandat haben, erwarten, dass sie in unserem Sinn handeln. Dass sie alles unternehmen, um die Situation zu ändern.“ Er hat vielleicht recht.

Jeder muss tun, was er kann. Verstehen, dass Hasspostings niemandem helfen, ist für manche ein großer Schritt. Geben, was man selbst nicht braucht, ist einfach. Geben, was man gerade noch entbehren kann, schon schwieriger. Auf etwas zu verzichten ziehen sehr wenige in Betracht.

Killerfrage: „Würden Sie eine Flüchtlingsfamilie bei sich zu Hause aufnehmen?“ Ich habe keine Flüchtlinge in meine Wohnung aufgenommen. Und doch: Wenn alle dazu bereit wären, wären Zustände wie derzeit in Traiskirchen vermeidbar. Trotzdem brauchte es eine Lenkung, eine Kontrolle und Lösungen. Dafür haben wir unsere Verantwortlichen gewählt.

Iran – ein Land voller Geschichte(n), doch am Ende ist es meine eigene Geschichte, die ich schreibe

Per Autostopp von Wien nach Indien … mit wenig Gepäck, dafür umso mehr Neugier und Offenheit für Neues. Lesenswerter Blog!

Weg nach Indien

Meine Inspiration war heute leider nicht allzu hoch – liegt wohl an der Hitze – darum ist aus dem Plan viele Geschichten ueber den Iran zu schreiben nur meine eigene Geschichte im Iran geworden. Vielleicht kann ich manche noch im Blog verewigen, ansonsten muesst ihr mich wohl persoenlich danach fragen 😉

Mehr als zwei Wochen bin ich nun schon im Iran und doch schafft es dieses Land und seine Menschen mich immer wieder aufs Neue zu ueberraschen … Wie viel wusste ich ueber den Iran bevor ich hierher kam? Sehr wenig bis nichts, aber von anderen Reisenden hatte ich schon viel ueber die Gastfreundschaft hier gehoert. Rueckblickend kann ich diese Einschaetzung des Irans nur bestaetigen und sagen, dass die Menschen im Iran die freundlichsten meiner bisher bereisten Laender sind. Ich habe aufgehoert zu zaehlen, wie oft ich auf der Strasse schon „Welcome to Iran“ gehoert habe.

Es ist schwer sonst…

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Vogerlfrei

Bild: Regina Pillgrab (ca. 30 x 40 cm, Technik: Gouache mit Aquarellkreiden und -stiften, teilweise Pastellkreide).
Bild: Regina Pillgrab (ca. 30 x 40 cm, Technik: Gouache mit Aquarellkreiden und -stiften, teilweise Pastellkreide).

 

Die Bilder der oö. Künstlerin Regina Pillgrab werden in nächster Zeit als Farbtupfer diesen Blog und unseren Alltag bereichern! Ich könnte sie stundenlang betrachten, sie verzaubern, faszinieren und machen genau das, was dieser Blog will: Color your life bright! Danke, Regina! Mehr über Regina in Kürze auf diesem Blog – mehr zu ihrem Angebot auf www.vogerlfrei.at.

 

Aussteigen für Anfänger – Einwandern im Südburgenland

Aussteigen für Anfänger„In den Medien hört man von einer Journalistin, die sich ein Jahr lang kein neues G’wand gekauft hat und darüber ein Buch geschrieben hat. Mit demselben Inhalt hätten wir jetzt schon mehrere Bücher zusammen“, schreibt Ingrid Weber in ihrem vor Kurzem erschienenen Buch Aussteigen für Anfänger – Einwandern im Südburgenland.

Ingrid, 1959 in Graz geboren, und ihr Mann Gerhard haben es gewagt: Sie haben 2007 ihre Jobs gekündigt, ihr Haus in Niederösterreich verkauft und sich im Südburgenland niedergelassen. Dort betreiben sie eine kleine Landwirtschaft mit Schafen, Hasen, Hühnern, Enten, Bienen und fallweise noch anderem Getier, bauen Gemüse an und versuchen, als Selbstversorger zu leben. In ihrem Buch beschreibt Ingrid Weber den nicht immer einfachen Weg dorthin: Von den landwirtschaftlichen Erfahrungen, die sie sich erst aneignen mussten, über die anstrengende körperliche Arbeit bis hin zu den vielen schönen Begegnungen mit den Menschen im Südburgenland, dem Leben fernab vom Großstadtlärm und -stress im Einklang mit der Natur.

Das Grundstein zum „anderen“ Leben war wohl schon lange gelegt – so schreibt die gelernte Übersetzerin und Englischlehrerin, dass ihr die Freizeit „immer wichtiger war als Geld“. Mit dem Aussteigen geliebäugelt hatten sie und ihr Partner, der als Maschinenbautechniker im Büro einer Wiener Herstellerfirma gearbeitet hatte und dem der Arbeitsstress zunehmend gesundheitliche Probleme bereitete, schon länger: Immer wieder hatten sie sich auf Reisen die Frage gestellt, wie es wohl wäre, für immer dort zu bleiben. Als die Pächter ihres Grundstücks im Burgenland, das aus Gerhards Familie stammt, plötzlich den Pachtvertrag kündigten, betrachteten die beiden das als „Wink des Schicksals“ und überlegten konkret, wie sie ihren Einstieg in ein neues Leben bewerkstelligen sollten. Ingrid Weber schildert unterhaltsam in einfacher Sprache, in die auch immer wieder der Dialekt einfließt, die verschiedenen Überlegungen, das Für und Wider, die Schwierigkeiten und die schönen Erlebnisse auf dem Weg zum eigenen Niedrigenergiehaus mit Landwirtschaft im Südburgenland.

Fazit: „Ich möcht’s nicht mehr anders haben, könnte mir einen Tages-/Jahresablauf ohne unsere Tiere nicht mehr vorstellen.“ Das Experiment bezeichnet sie als geglückt und die „Tatsache, dass wir beide dieselben Träume hatten und gemeinsam den Weg gehen wollten, ist sicher eines unserer offenen Erfolgsgeheimnisse“.

Ihre Erlebnisse rund ums neue Leben hält Ingrid Weber seit 2007 in ihrem Blog fest – nun ist ein Buch daraus entstanden.

Am Schluss des Buches zeichnet Weber die Geschichten einiger Menschen nach, die in der Gegend rund um Güssig den Einstieg in ein ruhigeres, selbstbestimmtes Leben gewagt haben. Das Südburgenland – eigentlich ein klassisches Auswandererland – scheint für derlei Sehnsüchte ein idealer Landeplatz zu sein.

Ingrid Weber: Aussteigen für Anfänger – Einwandern im Südburgenland. Novum Verlag, 2015. ISBN: 978-3-99038-816-7 

 

Dagmar und Joachim Genth: „Wir haben unsere eigene Nische entworfen…“

Alisseos-Hügel
Aussicht vom „Alisseos-Hügel“ (Foto: Dagmar Genth)

Ein Haus inmitten von Olivenhainen, am Mittelfinger des Südpeloponnes in der schroffen Landschaft der Mani, an einen Hügel geschmiegt, mit Blick auf das Meer, den blauen Himmel, den endlosen Horizont. Im Garten eine unüberschaubare Anzahl an Katzen und Hunden und ebenso viele Futternäpfe mit allerlei Fressbarem. Dahinter eine kleine Kapelle, Alisseos, dem Sonnengott, gewidmet. So wohnt die Familie Genth. Joachim, kurz Jogi, der Arzt aus Berufung, dem seine Freiheit über alles geht. Seine Frau Dagmar, die leidenschaftliche Fotografin, Tierschützerin und Improvisateurin des Alltags und Sohn Thimo, 19, der sein ganzes Leben in der Mani verbracht hat, ohne Sport nicht sein kann und Meeresbiologie studieren will. Dagmar und Jogi, beide aus Bonn, haben sich vor 25 Jahren in der Mani kennen und lieben gelernt. Dagmar: „Nach sechs Monaten bin ich ohne Überlegung und klare Pläne hierhergezogen.“ Jogi: „Wir lebten von der Hand in den Mund – und das war gut so. Den Verkauf von Olivenöl haben wir erst professionalisiert, als Thimo zur Welt kam.“ Als die Produktion immer professioneller wurde und der Kundenstock größer, brauchte das Öl einen Namen – und heißt seither wie der Name des Heiligen, dem die kleine Kapelle gewidmet ist: Alisseos. Die Genths sind in der Mani mittlerweile anerkannte Experten in Sachen Olivenöl und haben in Deutschland und Österreich einen treuen Kundenstock, der neben der hohen Qualität auch den persönlichen Bezug zur Mani und den Kontakt zu den Produzenten schätzt.

Joachim Genth
Joachim Genth: „Noch einmal aussteigen? Kein Problem! Ich klebe ja nicht. Und sollte ich doch an irgend etwas kleben, so weiß ich, dass es möglich ist, da wieder rauszukommen.“ (Foto: Dagmar Genth)

Jogi: „Aussteigen heißt frei sein!“

Er hatte das Medizinstudium abgeschlossen und stand mit Anfang 30 am Anfang einer vielversprechenden Universitätskarriere im Bereich der Neuropathologie. Dann der erste Bruch: „Als das Ziel einer Professur in einem hochinteressanten Bereich der Neurowissenschaften und Psychiatrie unmittelbar greifbar war, wollte ich nicht mehr. Mein Leben war zu diesem Zeitpunkt schon viel zu durchgeplant … das konnte ja wohl nicht alles sein! Also verließ ich die Uni, ich verließe meine Frau, öffnete mich einer neuen Liebe und war FREI!“ Er vagabundierte mit seinem selbst ausgebauten VW-Bus durch Europa, kehrte zwischendurch immer wieder nach Deutschland zurück, um mit Vertretungen in einer Allgemeinmedizinischen Praxis das nötige Geld zum Leben zu verdienen. Wobei er betont, aus Berufung Arzt geworden zu sein: „Das ist eine Art von Lebensauffassung und Lebensführung – kein Job, kein Beruf wie jeder andere. Und es hat auch mit Geld nichts zu tun!“ Was der inzwischen 70jährige auch jetzt noch lebt: Als die Wirtschaftskrise in Griechenland ihren Höhepunkt erreichte, hat er gemeinsam mit Kollegen ein medizinisches Hilfsprojekt für Mittellose auf die Beine gestellt. Und selbstverständlich ist er für alle da, die einen Arzt brauchen – Einheimische wie Touristen. Ohne Kassenvertrag, ohne Ordination und ohne Honorar.

Ob er das Aussteigen jemals bereut hat? „Nein. Zu keinem einzigen Zeitpunkt, selbst, als es mir einmal nicht gut ging, wäre ich nie zurückgegangen. Das Risiko zu scheitern auf meinem Weg habe ich in Kauf genommen.“

Das Projekt Alisseos ist allerdings weit davon entfernt: Das Olivenöl genügt höchsten Qualitäts- und Geschmacksansprüchen. Die Genths haben sich nicht nur intensiv mit biologischer Landwirtschaft auseinandergesetzt, sie legen auch Wert darauf, dass ihre Oliven schonend von Hand geerntet werden und in modernen, biozertifizierten Ölmühlen gepresst werden. „Ich habe alles, was ich gemacht habe, immer mit großer Freude gemacht – das Meiste habe ich mit großem Interesse und großer Energie gemacht“, sagt Jogi. Olivenbauer aus Leidenschaft, könnte man also annehmen. Jogi verneint: „Ich bin kein Bauer, und die Oliven und der Olivenbaum reizen mich nicht mehr als jeder andere Baum! Im Grunde meiner Existenz bin ich ein Vagabund!“

Dagmar Genth
Dagmar Genth: „Aussteigen heißt für mich, voll und ganz mit Neugierde einzusteigen – sich auf etwas Neues komplett, kindlich, frei einzulassen und das Leben spannend zu finden“. (Foto: Thimo Genth)

Dagmar: „Sich Sorgen zu machen ist Mentalitätssache“

Wer in der Mani urlaubt und dort zufällig Dagmar Genth begegnet, riskiert, mit einem Hundebaby am Schoss zurück in die Heimat zu fliegen. Dagmar engagiert sich nämlich in einem Tierschutzverein und sucht immer wieder Freiwillige, die ihre Schützlinge mit nach Deutschland oder Österreich nehmen, um sie dort ihren neuen Besitzern zu übergeben. Sämtliche Fragen von der Finanzierung des Flugtickets über notwendige tierärztliche Atteste bis hin zum Ort der Übergabe hat sie selbstverständlich bereits gelöst.

Einfach tun, was zu tun ist – das charakterisiert Dagmar Genth vielleicht am besten. So habe sie sich keineswegs bewusst dafür entschieden, Olivenbäuerin zu sein – sie sei in diese Rolle „nur reingewachsen – indem ich das tat, was so jeden Tag erforderlich war – erst aus Neugier, dann mit mehr Know how, auch aus Empathie!“

Leben, wo andere Urlaub machen.
Leben, wo andere Urlaub machen. (Foto: Dagmar Genth)

Vielleicht aus derselben Motivation heraus hat sie schon vorher vieles ausprobiert: Sie hat über Jahre in der Altenpflege gearbeitet nach einem „hochspannenden“ Sozialen Jahr in der Psychatrie, hat mit viel Euphorie vergleichende Literaturwissenschaft studiert, immer wieder Aushilfsjobs angenommen und schließlich als Fotografin gearbeitet.  Auch die Fotografie hätte ein Weg für sie sein können, meint sie. Und bedauert, für die Umsetzung vieler Ideen jetzt zu wenig Zeit zu haben – das sei unbefriedigend. Wobei Dagmar immer noch mit fotografischem Blick durchs Leben geht, was unter anderem für die Vermarktung des Olivenöls von Vorteil ist. Olivenbäuerin zu sein ist kein Job sondern eine Lebensform, meint Dagmar, denn die Aufgaben seien vielfältig und die täglichen Herausforderungen groß – vor allem deshalb, „weil man sehr flexibel sein muss: es gibt immer wieder Überraschungen – positive wie negative!“ Aber: „Sich Sorgen zu machen ist Mentalitätssache – Sorgen kann man sich auch machen, wenn man wohlversorgt ist. Oft sind Einschränkungen notwendig, wir nehmen sie aber nicht als solche wahr. Wir sind umgeben von Menschen, die schon immer ohne viel Rückversicherung oder Rücklagen haben leben müssen. Einschränkung bedeutet nicht den Abstieg auf der sozialen Leiter, sondern ist einfach mit der Hoffnung verbunden, dass wieder bessere Zeiten kommen.“ So wirft die Olivenöl-Produktion erst seit kurzem einen bescheidenden Gewinn ab – das Geld zum Leben kam lange Zeit von Nebenjobs aus Joachims Praxisvertretungen und Dagmars Foto-Arbeiten. Bereut hat sie die Entscheidung für das Leben, das sie jetzt führt aber nie. „Wir haben uns nicht in eine fertige Nische verdrückt – wir haben unsere eigene entworfen – mit einem Risiko, das anderen hoch erscheinen mag!“


Alisseos:

Hohe Ansprüche an Qualität und Geschmack
Hohe Ansprüche an Qualität und Geschmack (Foto: Dagmar Genth)

Seit 1990 betreiben Dagmar und Joachim Genth den Familienbetrieb Alisseos. Auf ihrem Olivenhain in der Mani kultivieren sie rund 500 Olivenbäume der Sorte Koroneiki, einer der ältesten Olivenbaumrassen der Welt. Neben den täglichen Anforderungen, die der Betrieb mit sich bringt, kümmert sich Dagmar um die Organisation und das Marketing. Joachim erledigt den Baumschnitt, gibt der Erntemannschaft das Tempo vor und genießt den fachlichen Austausch mit anderen Bauern und Olivenmühlbesitzern. Mit rund 12-14 Tonnen Olivenöl jährlich ist Alisseos am Limit dessen angelangt, was die Genths zu zweit vermarkten und organisieren können und was in dieser Qualität in ihrer Umgebung produzierbar ist. Zusätzlich zum eigenen Öl wird bei Alisseos auch Olivenöl zugekauft. Sowohl angekauftes als auch das eigene Öl müssen hohe Anforderungen an die Qualität und den Geschmack erfüllen. Neben Jahrgangs-Olivenöl verkaufen die Genths auch andere hochwertige Lebensmittel aus der Mani. Vertrieben werden die Produkte via Internet, durch Joachim Genth persönlich sowie Freunde, die kleine Abhollager betreiben. Mehr Info: www.alisseos.de.

 

Soll ich, soll ich nicht …

Entscheidungshelfer von Dr. P. Lacebo
Entscheidungshelfer von Dr. P. Lacebo

Eine Entscheidung zu treffen fällt oft schwer. Selten spricht ja alles für eine Sache und nichts dagegen. Meist gibt es Für und Wider. Es hat seine Gründe, warum man sich plötzlich in der Situation befindet, eine Entscheidung treffen zu wollen oder müssen. Oft ist es die Umgebung, die einen bestärkt, oder – im Gegenteil – immer wieder zum Zweifeln bringt, ob die Entscheidung wirklich die richtige sei. Beides kann nützlich sein: Bestärken, weil man es sich ohnehin nicht einfach macht und vielleicht noch den einen oder anderen Schubs von außen braucht. Kritik und Dagegenreden, weil der Blick von außen vielleicht auch Nachteile mit einbringt, auf die man selbst nicht gekommen wäre. So ist man gezwungen, noch weiter zu überlegen, Für und Wider abzuwägen … Keine einfache Phase. Manchmal hilft auch ein gutes Coaching, sich darüber klar zu werden, was man wirklich will, und ob man bereit ist, sich mit allen Risiken darauf einzulassen. Das ist notwendig, um die nächste Phase genießen zu können: Die Entscheidung ist getroffen, die Richtung ist wieder klar, man kann auf ein neues Ziel fokussieren.