Ingrid Huber: „Mein Körper hat mich geführt“

Ingrid Huber ist keine Aussteigerin. Sie ist gar nie eingestiegen, ins Leben der hunderttausend Kompromisse und Zugeständnisse. Unter vielem, was sie macht, kann man sich zunächst einmal wenig vorstellen: Integrative Körperarbeit. Healing Songs. Von Herzen singen. Trainerin für Stimmentfaltung. Ein Mitsing-Konzert … 

Ingrid Huber (Foto: Danila Amodeo Photography)Musiziert hat Ingrid „schon immer“, Bewegung, das Körpergefühl waren ihr auch wichtig. Da lag es für sie, die „am liebsten schon mit sechzehn von zu Hause losgezogen“ wäre, nahe, nach dem Abitur zumindest einmal nach Wien zu gehen und dort Musik- und Bewegungspädagogik zu studieren. Eine ständig wiederkehrende Angina und diverse Allergien waren während dieser Zeit der Anstoß dafür, sich intensiv mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen, sich für verschiedene Formen der Energiearbeit und komplementär-medizinische Heilungsmethoden zu interessieren.

Nach Kalifornien, um eine „gute Hexe“ zu werden
„Ich gehe nach Kalifornien, weil ich eine gute Hexe werden will.“ Dieser Entschluss nach dem Studium kam für Ingrid buchstäblich „aus dem Hals heraus“, nach einer akuten Mandelentzündung. „Ich wollte das Heilen lernen und herausfinden, wie Gesundheit und Krankheit eigentlich entstehen“. Nach einem halben Jahr Vorbereitung, in dem sie als Restauratorin jobbte, um Geld für die Reise zu verdienen, machte sie sich auf, ins Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten. Warum USA? Wer sich für das alternative Heilen interessiert, orientiert sich üblicherweise doch eher Richtung Asien. „Ich wollte nicht zurück in die Tradition, sondern suchte eine zeitgemäße moderne Weise, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen“, erklärt Ingrid. Kalifornien schien ihr dafür ein guter Platz zu sein, und so packte sie ihr Akkordeon ein und machte sich auf nach Los Angeles, wo sie die erste Zeit bei einer hilfsbereiten und gastfreundlichen Dame unterkam, die sie ein paar Monate zuvor beim Urlaub auf Kreta kennen gelernt hatte. Nach ein paar Wochen der Suche und einem Umzug nach San Francisco stieß sie auf das  Ingrid Huber (Foto: Danila Amodeo Photography))Esalen Institut an der Küste Kaliforniens, wo sich seit den 1960er Jahren aus der Human Potential Bewegung heraus die Esalen Massage und Bodywork entwickelt hatte. „Das ist es!“ beschloss Ingrid und hatte das Glück, einen Job in der Küche des Zentrums zu finden. Als Gegenleistung durfte sie die Ausbildung machen. „Die Zeit war wundervoll, ich war erfüllt und inspiriert von den Begegnungen mit herausragenden Lehrern und Lehrerinnen für Körperarbeit, Meditation, Therapie und Spiritualität“, erzählt sie. Nach einer kurzen Rückkehr nach Wien ging sie in die USA zurück und schloss eine Ausbildung zum Practitioner of Body-Mind Centering in Massachusetts an.
In den USA hat sie sich wohlgefühlt, nach Europa keinerlei Heimweh verspürt. Die Bürokratie, die unendlichen Mühen und Schwierigkeiten, die man in Kauf nehmen muss, um eine Green Card zu erhalten, waren schließlich der Grund, doch wieder nach Wien zurückzukehren. „Ich bin bewusst als Europäerin nach Europa zurückgekehrt“, betont sie. „Ich dachte, es könnte ja meine Aufgabe sein, die Weite, die ich in den USA erlebt habe, nach Europa zu bringen. So bin ich an die Sache herangegangen und das fühlt sich heute noch stimmig an!“

Körperarbeit und Singen
Logisch wäre nach ihrer Ausbildung eine Arbeit als Musikschulpädagogin gewesen. Diesen Weg hat sie anfangs auch eingeschlagen, jedoch sehr bald entschieden, sich selbständig zu machen. Mittlerweile hat sie zwei Standbeine: Einerseits die Integrative Körperarbeit, in der sie mittels Berührungen, Gesprächen, einer aus den verschiedenen Ausbildungen und Erfahrungen in Zusammenarbeit mit einem Partner entwickelten Methode ihre Klienten zu einer „Kommunikation mit dem eigenen Körper auf sehr tiefer Ebene“ begleitet. Der Körper biete sehr viele individuelle Antworten – „wir können unglaublich viel Information aus uns selbst schöpfen“, sagt sie. Sie betreut neben Einzelkunden auch Gruppen und arbeitet zum Beispiel für Krankenhäuser, wo ihre Arbeit den oft physisch und psychisch belasteten Angestellten helfe, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und besser auf sich zu achten.

Daneben veranstaltet sie Singabende, wo es in erster Linie ums gemeinsame Erlebnis, den Akt des Singens geht: „Alle können teilhaben, man muss keine Noten lesen können und auch nicht besonders musikalisch sein“, sagt Ingrid, „die Freude am Singen lässt die Dankbarkeit fürs Leben und die Offenheit der Herzen wachsen!“ In ihren Workshops und Einzeltrainings verbindet sie ihren speziellen Zugang zur Körperarbeit mit dem Singen und Tönen und möchte damit den Teilnehmern wiederum helfen, einen Zugang zu ihrem Körper, ihrer Stimme, ihrer Gesundheit zu finden.

Neben traditionellen überlieferten Liedern aus verschiedenen Kulturen komponiert sie ihre „Healing Songs“ auch selbst. Das freie Improvisieren bestimmt ihre Art des Musikmachens – auch vor Publikum.
Wie lebt man mit mehreren, selbst kreierten Berufen? „Mein Leben ist reich, vielfältig und erfüllt!“ Was Ingrid macht, macht sie gern und ohne Kompromisse. Auf einen Kompromiss hat sie sich trotzdem eingelassen: Sie lebt – obwohl sie sich selbst als Nomadin sieht – mit ihrem Mann und ihren beiden Jungs, die 11 und 13 Jahre alt sind, schon seit 15 Jahren in Graz. Der jüngere Sohn ist übrigens dafür verantwortlich, dass die Familie ein Haus mit Garten bewohnt: „Er hat mir schon im Bauch zu verstehen gegeben, dass er die Geborgenheit, die Sesshaftigkeit braucht. Unsere Studentenwohnung, in der wir zu dieser Zeit gewohnt haben, wäre nichts für ihn gewesen.“ Ingrid genießt das schöne Wohnen und den Garten, betrachtet es aber als Geschenk auf Zeit: „Besitz ist kann vergänglich sein. Wir können uns niemals 100prozentig sicher sein, wo wir leben, was wir besitzen und wohin uns das Leben trägt. Angesichts der Flüchtlingsthematik ist mir das auch in Bezug auf mein Leben sehr stark zu Bewusstsein gekommen!“

Zum Reinhören: Paradise Now! 12 Healingsongs von Ingrid Huber.

Mehr Info zur Integrativen Körperarbeit: http://www.momente.cc

Ingrid Huber (Foto: Ingrid Huber (Foto: Danila Amodeo Photography)

Eche Wregg: Colibri oder nicht– das ist hier die Frage …

Eche_15.jpgAm Frühstückstisch der Familie Wregg gibt es selbstgemachte Marillen-, Zitronen- und Hagebuttenmarmelade, liebevoll mit selbstgedruckten Etiketten beklebt. „Ich liebe es, im Herbst durch die Wälder zu streifen und Hagebutten zu pflücken“, sagt Eche Wregg. Am Balkon wuchern die Küchenkräuter. Die Wände schmücken Eches Bilder – Kreationen in meist warmen Farben, die mich, ganz der Intention der Künstlerin folgend, in gute Stimmung versetzen. Wenn Eche Wregg erzählt, was sie macht, tut sie das mit großer Begeisterung: Malen, Marmelade einkochen, durch die Wälder und Wiesen streifen, Blockflöte unterrichten, Musizieren, Konzepte für Musikvermittlungsprogramme schreiben… Wer es schafft, sein Leben so maßgeschneidert nach seinen Talenten und Leidenschaften zu gestalten, muss ein Colibri sein. Oder nicht?

IMG_7017Als Colibris bezeichnen wir in diesem Blog ja jene, die genau das machen, und dafür manchmal einiges riskieren: Einsteigen, Aussteigen oder Umsteigen etwa, wie man es nennt, ist eine Frage der Perspektive.

Kindheit im Land der Colibris

Bei Eche ist das anders, mit den Colibris. Die kleinen bunten Brummvögel, die es nur am amerikanischen Kontinent gibt, haben sie schon in Chile fasziniert, wo sie ihre ersten neun Lebensjahre verbrachte. Den Namen – Eche – hat sie, die eigentlich Edith heißt, von ihren Kindermädchen dort. Als ihre Mutter, eine Salzburgerin, die an der Universität in Concepción Cembalo und Musikphilosophie unterrichtete, von Freunden während der ersten Jahre des Militärputschs eine entsprechende Warnung bekam, verließ sie relativ rasch das Land. Die neunjähre Eche musste mit. Die vier älteren Brüder verließen ebenfalls das Land, der Vater, ein chilenischer Dirigent und Komponist, blieb trotz der Schwierigkeiten unter Pinochet – die Familie war seither getrennt.

Aus der Leere Kraft (© Eche Wregg)
Aus der Leere Kraft (© Eche Wregg)

Musik und Malerei

Eches Talente kreisen rund um die Musik und die Malerei. Beides hat sie schon als Kind fasziniert, in beidem hat sie sich in der Schule engagiert, wie „in allem, was mich begeistert“ … ganz im Gegensatz zu Fächern wie Mathematik, wo ihr die Schulnoten ziemlich egal waren. Nach der Matura hat sie sich für Blockflöte und Jus entschieden. Das Völkerrecht hatte es ihr angetan, wohl auch aufgrund ihrer eigenen Geschichte. Relativ rasch kamen dann die Kinder – zwei Buben zuerst, dann zwei Mädchen. Für die Uni war keine Zeit mehr. Also konzentrierte sie sich auf das Zeichnen. „Zum Malen hat mich ein befreundeter Künstler gebracht, der eines Tages mit Farben und Leinwand in der Tür gestanden ist und meinte, das passe besser zu mir als zeichnen.“ Noch schüchtern fabrizierte sie ihr erstes Bild auf Leinwand – ein Geschenk für ihren Mann. Eine Freundin, die das Bild sah, lud sie ein, eine Ausstellung zu machen. Eche hatte ein Jahr Zeit, um sechzig Bilder zu produzieren. „Das war faszinierend. Aber teilweise ungesund, neben den Kindern konnte ich nur in der Nacht malen. Manchmal kam ich nur auf zwei Stunden Schlaf.“ Aber die positiven Reaktionen bestärkten sie. „Für mich ist es die größte Anerkennung, wenn jemanden eines meiner Bilder so anspricht, dass er möchte, dass es ihn in seinem Leben begleitet.“

 Neue Wege gehen

glam Rock 11.jpgDie Wege anders zu begehen, neue Perspektiven einzunehmen, neue Aspekte zu finden … all das reizt Eche. Die zentralen Elemente in ihren Bildern sind meist Menschen – „sie erzählen über das Leben“ – und Blumen – „als Symbol für Menschen“. Die Titel, die sie oft ins Bild schreibt, lassen wie die Motive selbst für die Betrachter vieles offen – „je nachdem, was man selbst an Erfahrungen und Erlebnissen mitbringt“.

Nachdem das vierte Kind aus dem Gröbsten heraus und Eche Anfang 30 war, begann sie wieder, Blockflöte zu unterrichten und engagierte sich in einigen Musikvermittlungsprogrammen. Der Zugang über mehrere Disziplinen – Kunst, Musik, Literatur – habe sie dabei fasziniert, und als die Bruckneruniversität den Masterlehrgang Musikvermittlung /Musik im Kontext angeboten hat, war Eche dabei.

DSC_1939Wenn sie über ihre Projekte erzählt, dann grundsätzlich mit ansteckender Begeisterung: Das Oboe-Fagott-Festival, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Hannes, Fagottist im Brucknerorchester Linz, organisiert. Die Führung durch die Ausstellung Glam! Ist Musik im Kunstmuseum Lentos, Rossinimania im Rahmen der Pfingstfeststpiele 2014 in Salzburg, ein Vermittlungskonzept für das neugestaltete Brucknermuseum in Ansfelden …, wenn es darum geht, musikalisches Wissen spielerisch und interessant zu vermitteln, ist Eche mit Feuer und Flamme dabei.

Bisweilen anstrengend sei dieses selbst komponierte Freelancer Jobprofil aber schon, meint Eche. Also doch kein Colibri von Geburt an? Will sie etwa aussteigen, aus dem Colibri-Dasein, und einsteigen – ja wo hinein? Auf welche ihrer vielen Leidenschaften würde sie verzichten wollen? Auf das Malen? „Niemals!“ Auf die Musikvermittlungsprojekte: „Kommt nicht in Frage.“ Auf das Unterrichten? „… aber das mache ich so wahnsinnig gerne!“

www.eche.at

„Ich wollte keinen Chef mehr!“

Regina Pillgrab - Atelier Vogerlfrei
Regina Pillgrab – Atelier Vogerlfrei  (Foto: Renate Billensteiner)

Vogerlfrei. So nennt Regina Pillgrab ihr Atelier im Zentrum von Linz, seit drei Jahren ihre Arbeitsstätte. Dort malt sie ihre Kraftbilder, dort hält sie Malkurse ab, für Kinder und Erwachsene, und dort kann man auch Maltherapiestunden besuchen – allein, oder in einer Gruppe. „Mit Vogerlfrei verbinde ich: Frei sein wie ein Vogerl, sich von inneren Zwängen befreien, sein eigenes Vogerl annehmen und lieben lernen “, sagt Regina.

Die 42jährige gelernte Grafikerin hat vieles ausprobiert, bevor sie sich dazu entschloss, sich selbständig zu machen: 15 Jahre in vielen verschiedenen Firmen als Grafikerin, dann eine dreijährige Ausbildung in Mal- und Gestaltungstherapie in Wien, einen Lehrgang in Anlehnung an Arno Stern für Kindern und Jugendlichen an der Kunstuniversität in Linz.

„Erstaunlich, dass sich in dem System noch so viele zurechtfinden“

Kraftbild von Regina Pillgrab
Kraftbild von Regina Pillgrab

Die Arbeit im sozialen Bereich habe ihr immer gefallen: Ehrenamtlich hat sie Maltherapiestunden für Psychiatrie-Patienten an der Landesnervenklinik Wagner Jauregg gehalten: „Das war nicht immer ganz einfach, weil Menschen mit unterschiedlichen Krankheitsbildern und Problemen in einer Gruppe beisammen waren und jede Woche wechselten. Ich wusste im Vorhinein nicht, wer kommt. So war es meine Aufgabe, in relativ kurzer Zeit für die Menschen ein sinnvolles Angebot zu machen“, sagt Regina, „besonders gefreut hat es mich, wenn die Teilnehmer der Maltherapie-Stunden am Schluss gelacht haben.”

Fasziniert habe sie auch der Job bei Pro Mente, wo sie jugendlichen Burschen mit psychischen Beeinträchtigungen dabei half, den Tag sinnvoll zu gestalten. Jene Bewohner, die es schafften, sich am Arbeitsmarkt zurechtzufinden, waren tagsüber weg, jene, die es nicht schafften, bei Regina in der CopyBox, wo kleine grafische Arbeiten und Kopieraufträge oder Ähnliches übernommen wurden. Wenn sie von der Arbeit mit psychisch Kranken erzählt, dann mit tiefer Wertschätzung und Respekt. „Sie schaffen es halt nicht, sich in diesem System zurechtzufinden. Dass das so viele noch können, finde ich ohnehin erstaunlich“, sagt sie. Meist sei es ihr gelungen, eine Vertrauensbasis zu schaffen, oft haben sich ihre Schützlinge ihr gegenüber geöffnet und ihr Dinge erzählt, über die sie mit ihren Therapeuten nicht gesprochen hätten. „Das war oft anstrengend und fordernd, aber auch eine sehr schöne Aufgabe.“

„Sich wandeln und weitergehen“

Ateliereröffnung ganz offiziell -  ein Jahr nach der Gründung mit dem “Taferl-Fest”.
Ateliereröffnung ganz offiziell – ein Jahr nach der Gründung, mit dem “Taferl-Fest”.

Der lange krankheitsbedingte Ausfall eines Kollegen, die Last, die sie deshalb allein zu tragen hatte und das fehlende Verständnis seitens des Arbeitgebers, der ihre Überlastung nicht erkannte und ihre Arbeit nicht wertschätzte, haben sie schließlich dazu bewogen, zu kündigen. Damals war ihr klar: „Ich will keinen Chef mehr!“ Von dieser Entscheidung bis zum eigenen Atelier brauchte es noch einige Zeit: „Zweifel hatte ich keine, aber großen Respekt vor der Selbständigkeit“. Das Gründerprogramm des AMS und verschiedene Angebote des VfQ – Gesellschaft für Frauen und Qualifikation  – habe ihr schließlich geholfen, ihre Geschäftsidee zu schärfen und mit dem entsprechenden Selbstbewusstsein und Know how an das Projekt heranzugehen. Nach drei Jahren ist sie nun sicher, dort gelandet zu sein, wo sie hin wollte. „Es gab immer wieder Phasen des Zweifels, vor allem, wenn es finanziell eng war. Aber ich habe gelernt, mit Geduld an die Sache heranzugehen“. Vor allem die Werbung empfinde sie manchmal als anstrengend. „Am Anfang habe ich so viele Termine ausgeschrieben und war enttäuscht, wenn die Kurse nicht alle ausgebucht waren“, sagt sie. Jetzt sei sie zur Ruhe gekommen – das strahlt sie auch aus. Und: Sie ist ihr eigener Chef. Ziel erreicht? „Solange ich meine Ideen umsetzen kann und Menschen meine Arbeit für sinnvoll erachten und meine Leistung in Anspruch nehmen, bin ich zufrieden. Ein Ziel ist für mich ein Abschluss, das sehe ich hier nicht. Es ist ein immer währendes sich Wandeln und Anpassen – offen und neugierig weitergehen.“

Atelier Vogerlfrei – Raum für kreativen Ausdruck

Aussteigen für Anfänger – Einwandern im Südburgenland

Aussteigen für Anfänger„In den Medien hört man von einer Journalistin, die sich ein Jahr lang kein neues G’wand gekauft hat und darüber ein Buch geschrieben hat. Mit demselben Inhalt hätten wir jetzt schon mehrere Bücher zusammen“, schreibt Ingrid Weber in ihrem vor Kurzem erschienenen Buch Aussteigen für Anfänger – Einwandern im Südburgenland.

Ingrid, 1959 in Graz geboren, und ihr Mann Gerhard haben es gewagt: Sie haben 2007 ihre Jobs gekündigt, ihr Haus in Niederösterreich verkauft und sich im Südburgenland niedergelassen. Dort betreiben sie eine kleine Landwirtschaft mit Schafen, Hasen, Hühnern, Enten, Bienen und fallweise noch anderem Getier, bauen Gemüse an und versuchen, als Selbstversorger zu leben. In ihrem Buch beschreibt Ingrid Weber den nicht immer einfachen Weg dorthin: Von den landwirtschaftlichen Erfahrungen, die sie sich erst aneignen mussten, über die anstrengende körperliche Arbeit bis hin zu den vielen schönen Begegnungen mit den Menschen im Südburgenland, dem Leben fernab vom Großstadtlärm und -stress im Einklang mit der Natur.

Das Grundstein zum „anderen“ Leben war wohl schon lange gelegt – so schreibt die gelernte Übersetzerin und Englischlehrerin, dass ihr die Freizeit „immer wichtiger war als Geld“. Mit dem Aussteigen geliebäugelt hatten sie und ihr Partner, der als Maschinenbautechniker im Büro einer Wiener Herstellerfirma gearbeitet hatte und dem der Arbeitsstress zunehmend gesundheitliche Probleme bereitete, schon länger: Immer wieder hatten sie sich auf Reisen die Frage gestellt, wie es wohl wäre, für immer dort zu bleiben. Als die Pächter ihres Grundstücks im Burgenland, das aus Gerhards Familie stammt, plötzlich den Pachtvertrag kündigten, betrachteten die beiden das als „Wink des Schicksals“ und überlegten konkret, wie sie ihren Einstieg in ein neues Leben bewerkstelligen sollten. Ingrid Weber schildert unterhaltsam in einfacher Sprache, in die auch immer wieder der Dialekt einfließt, die verschiedenen Überlegungen, das Für und Wider, die Schwierigkeiten und die schönen Erlebnisse auf dem Weg zum eigenen Niedrigenergiehaus mit Landwirtschaft im Südburgenland.

Fazit: „Ich möcht’s nicht mehr anders haben, könnte mir einen Tages-/Jahresablauf ohne unsere Tiere nicht mehr vorstellen.“ Das Experiment bezeichnet sie als geglückt und die „Tatsache, dass wir beide dieselben Träume hatten und gemeinsam den Weg gehen wollten, ist sicher eines unserer offenen Erfolgsgeheimnisse“.

Ihre Erlebnisse rund ums neue Leben hält Ingrid Weber seit 2007 in ihrem Blog fest – nun ist ein Buch daraus entstanden.

Am Schluss des Buches zeichnet Weber die Geschichten einiger Menschen nach, die in der Gegend rund um Güssig den Einstieg in ein ruhigeres, selbstbestimmtes Leben gewagt haben. Das Südburgenland – eigentlich ein klassisches Auswandererland – scheint für derlei Sehnsüchte ein idealer Landeplatz zu sein.

Ingrid Weber: Aussteigen für Anfänger – Einwandern im Südburgenland. Novum Verlag, 2015. ISBN: 978-3-99038-816-7 

 

Dagmar und Joachim Genth: „Wir haben unsere eigene Nische entworfen…“

Alisseos-Hügel
Aussicht vom „Alisseos-Hügel“ (Foto: Dagmar Genth)

Ein Haus inmitten von Olivenhainen, am Mittelfinger des Südpeloponnes in der schroffen Landschaft der Mani, an einen Hügel geschmiegt, mit Blick auf das Meer, den blauen Himmel, den endlosen Horizont. Im Garten eine unüberschaubare Anzahl an Katzen und Hunden und ebenso viele Futternäpfe mit allerlei Fressbarem. Dahinter eine kleine Kapelle, Alisseos, dem Sonnengott, gewidmet. So wohnt die Familie Genth. Joachim, kurz Jogi, der Arzt aus Berufung, dem seine Freiheit über alles geht. Seine Frau Dagmar, die leidenschaftliche Fotografin, Tierschützerin und Improvisateurin des Alltags und Sohn Thimo, 19, der sein ganzes Leben in der Mani verbracht hat, ohne Sport nicht sein kann und Meeresbiologie studieren will. Dagmar und Jogi, beide aus Bonn, haben sich vor 25 Jahren in der Mani kennen und lieben gelernt. Dagmar: „Nach sechs Monaten bin ich ohne Überlegung und klare Pläne hierhergezogen.“ Jogi: „Wir lebten von der Hand in den Mund – und das war gut so. Den Verkauf von Olivenöl haben wir erst professionalisiert, als Thimo zur Welt kam.“ Als die Produktion immer professioneller wurde und der Kundenstock größer, brauchte das Öl einen Namen – und heißt seither wie der Name des Heiligen, dem die kleine Kapelle gewidmet ist: Alisseos. Die Genths sind in der Mani mittlerweile anerkannte Experten in Sachen Olivenöl und haben in Deutschland und Österreich einen treuen Kundenstock, der neben der hohen Qualität auch den persönlichen Bezug zur Mani und den Kontakt zu den Produzenten schätzt.

Joachim Genth
Joachim Genth: „Noch einmal aussteigen? Kein Problem! Ich klebe ja nicht. Und sollte ich doch an irgend etwas kleben, so weiß ich, dass es möglich ist, da wieder rauszukommen.“ (Foto: Dagmar Genth)

Jogi: „Aussteigen heißt frei sein!“

Er hatte das Medizinstudium abgeschlossen und stand mit Anfang 30 am Anfang einer vielversprechenden Universitätskarriere im Bereich der Neuropathologie. Dann der erste Bruch: „Als das Ziel einer Professur in einem hochinteressanten Bereich der Neurowissenschaften und Psychiatrie unmittelbar greifbar war, wollte ich nicht mehr. Mein Leben war zu diesem Zeitpunkt schon viel zu durchgeplant … das konnte ja wohl nicht alles sein! Also verließ ich die Uni, ich verließe meine Frau, öffnete mich einer neuen Liebe und war FREI!“ Er vagabundierte mit seinem selbst ausgebauten VW-Bus durch Europa, kehrte zwischendurch immer wieder nach Deutschland zurück, um mit Vertretungen in einer Allgemeinmedizinischen Praxis das nötige Geld zum Leben zu verdienen. Wobei er betont, aus Berufung Arzt geworden zu sein: „Das ist eine Art von Lebensauffassung und Lebensführung – kein Job, kein Beruf wie jeder andere. Und es hat auch mit Geld nichts zu tun!“ Was der inzwischen 70jährige auch jetzt noch lebt: Als die Wirtschaftskrise in Griechenland ihren Höhepunkt erreichte, hat er gemeinsam mit Kollegen ein medizinisches Hilfsprojekt für Mittellose auf die Beine gestellt. Und selbstverständlich ist er für alle da, die einen Arzt brauchen – Einheimische wie Touristen. Ohne Kassenvertrag, ohne Ordination und ohne Honorar.

Ob er das Aussteigen jemals bereut hat? „Nein. Zu keinem einzigen Zeitpunkt, selbst, als es mir einmal nicht gut ging, wäre ich nie zurückgegangen. Das Risiko zu scheitern auf meinem Weg habe ich in Kauf genommen.“

Das Projekt Alisseos ist allerdings weit davon entfernt: Das Olivenöl genügt höchsten Qualitäts- und Geschmacksansprüchen. Die Genths haben sich nicht nur intensiv mit biologischer Landwirtschaft auseinandergesetzt, sie legen auch Wert darauf, dass ihre Oliven schonend von Hand geerntet werden und in modernen, biozertifizierten Ölmühlen gepresst werden. „Ich habe alles, was ich gemacht habe, immer mit großer Freude gemacht – das Meiste habe ich mit großem Interesse und großer Energie gemacht“, sagt Jogi. Olivenbauer aus Leidenschaft, könnte man also annehmen. Jogi verneint: „Ich bin kein Bauer, und die Oliven und der Olivenbaum reizen mich nicht mehr als jeder andere Baum! Im Grunde meiner Existenz bin ich ein Vagabund!“

Dagmar Genth
Dagmar Genth: „Aussteigen heißt für mich, voll und ganz mit Neugierde einzusteigen – sich auf etwas Neues komplett, kindlich, frei einzulassen und das Leben spannend zu finden“. (Foto: Thimo Genth)

Dagmar: „Sich Sorgen zu machen ist Mentalitätssache“

Wer in der Mani urlaubt und dort zufällig Dagmar Genth begegnet, riskiert, mit einem Hundebaby am Schoss zurück in die Heimat zu fliegen. Dagmar engagiert sich nämlich in einem Tierschutzverein und sucht immer wieder Freiwillige, die ihre Schützlinge mit nach Deutschland oder Österreich nehmen, um sie dort ihren neuen Besitzern zu übergeben. Sämtliche Fragen von der Finanzierung des Flugtickets über notwendige tierärztliche Atteste bis hin zum Ort der Übergabe hat sie selbstverständlich bereits gelöst.

Einfach tun, was zu tun ist – das charakterisiert Dagmar Genth vielleicht am besten. So habe sie sich keineswegs bewusst dafür entschieden, Olivenbäuerin zu sein – sie sei in diese Rolle „nur reingewachsen – indem ich das tat, was so jeden Tag erforderlich war – erst aus Neugier, dann mit mehr Know how, auch aus Empathie!“

Leben, wo andere Urlaub machen.
Leben, wo andere Urlaub machen. (Foto: Dagmar Genth)

Vielleicht aus derselben Motivation heraus hat sie schon vorher vieles ausprobiert: Sie hat über Jahre in der Altenpflege gearbeitet nach einem „hochspannenden“ Sozialen Jahr in der Psychatrie, hat mit viel Euphorie vergleichende Literaturwissenschaft studiert, immer wieder Aushilfsjobs angenommen und schließlich als Fotografin gearbeitet.  Auch die Fotografie hätte ein Weg für sie sein können, meint sie. Und bedauert, für die Umsetzung vieler Ideen jetzt zu wenig Zeit zu haben – das sei unbefriedigend. Wobei Dagmar immer noch mit fotografischem Blick durchs Leben geht, was unter anderem für die Vermarktung des Olivenöls von Vorteil ist. Olivenbäuerin zu sein ist kein Job sondern eine Lebensform, meint Dagmar, denn die Aufgaben seien vielfältig und die täglichen Herausforderungen groß – vor allem deshalb, „weil man sehr flexibel sein muss: es gibt immer wieder Überraschungen – positive wie negative!“ Aber: „Sich Sorgen zu machen ist Mentalitätssache – Sorgen kann man sich auch machen, wenn man wohlversorgt ist. Oft sind Einschränkungen notwendig, wir nehmen sie aber nicht als solche wahr. Wir sind umgeben von Menschen, die schon immer ohne viel Rückversicherung oder Rücklagen haben leben müssen. Einschränkung bedeutet nicht den Abstieg auf der sozialen Leiter, sondern ist einfach mit der Hoffnung verbunden, dass wieder bessere Zeiten kommen.“ So wirft die Olivenöl-Produktion erst seit kurzem einen bescheidenden Gewinn ab – das Geld zum Leben kam lange Zeit von Nebenjobs aus Joachims Praxisvertretungen und Dagmars Foto-Arbeiten. Bereut hat sie die Entscheidung für das Leben, das sie jetzt führt aber nie. „Wir haben uns nicht in eine fertige Nische verdrückt – wir haben unsere eigene entworfen – mit einem Risiko, das anderen hoch erscheinen mag!“


Alisseos:

Hohe Ansprüche an Qualität und Geschmack
Hohe Ansprüche an Qualität und Geschmack (Foto: Dagmar Genth)

Seit 1990 betreiben Dagmar und Joachim Genth den Familienbetrieb Alisseos. Auf ihrem Olivenhain in der Mani kultivieren sie rund 500 Olivenbäume der Sorte Koroneiki, einer der ältesten Olivenbaumrassen der Welt. Neben den täglichen Anforderungen, die der Betrieb mit sich bringt, kümmert sich Dagmar um die Organisation und das Marketing. Joachim erledigt den Baumschnitt, gibt der Erntemannschaft das Tempo vor und genießt den fachlichen Austausch mit anderen Bauern und Olivenmühlbesitzern. Mit rund 12-14 Tonnen Olivenöl jährlich ist Alisseos am Limit dessen angelangt, was die Genths zu zweit vermarkten und organisieren können und was in dieser Qualität in ihrer Umgebung produzierbar ist. Zusätzlich zum eigenen Öl wird bei Alisseos auch Olivenöl zugekauft. Sowohl angekauftes als auch das eigene Öl müssen hohe Anforderungen an die Qualität und den Geschmack erfüllen. Neben Jahrgangs-Olivenöl verkaufen die Genths auch andere hochwertige Lebensmittel aus der Mani. Vertrieben werden die Produkte via Internet, durch Joachim Genth persönlich sowie Freunde, die kleine Abhollager betreiben. Mehr Info: www.alisseos.de.

 

Von Zick-Zack-Lebensläufen und erfolgreichen Ideen

Dass Lebensläufe nicht immer einen roten Faden brauchen und Träume es manchmal in die Realität schaffen, zeigen die Geschäftsideen einiger Leute, die Teresa Schaur-Wünsch in der heutigen Sonntagspresse portraitiert. Mehr …

Lebenskünstler

Arjen beschloss, Künstler zu werden.
Arjen beschloss, Künstler zu werden.

Eine Frau war der Grund, warum es Arjen van den Eerenbeemt (geb. 1958) 1986 aus Maastricht in die USA verschlug. Er lebte nördlich von San Francisco, dann im Wintersport-Ort Aspen in Colorado und in der Künstlerkolonie Santa Fe in New Mexico, wo er sich als Masseur sein Geld verdiente. Bereits in Aspen experimentierte er mit Licht und Plexiglas. Anfang der 1990er Jahre übersiedelte er nach Tucson,  Arizona, und beschloss, Künstler zu werden. “Ausschlaggebend dafür war die Erkenntnis, dass ich keine berufliche Identität habe.” Sehr rasch war ihm klar, welchen Anforderungen seine Kunst genügen soll: “Sie muss neuartig sein, originell, kostengünstig und rasch herstellbar – ausserdem muss ich meine Seele hineinlegen können.” Licht faszinierte ihn und reflektierendes Metall erschien ihm das geeignete Medium, um es in Szene zu setzen.

Aryens Atelier: Kreatives Durcheinander
Arjens Atelier: Kreatives Durcheinander

Es folgten sieben erfolgreiche Jahre, in denen er sich als Künstler unter dem Namen Aryen Hart einen Namen machte. Eine Frauengeschichte, ein Abstecher nach New Orleans, wo er die Verwüstungen des Hurrikans Katrina erlebte, der Kauf eines teuren Druckers und die Rezession bereiteten diesem Erfolg ein jähes Ende. Seiner professionellen Identität ist der Künstler treu geblieben, auch wenn sie ihn derzeit zu einem bescheidenen Lebensstil zwingt. Spiritualität, Meditation und Reflexion helfen ihm, seinen Humor nicht zu verlieren und positiv an die Dinge heranzugehen. Was er sich wünscht: “Als Künstler zu arbeiten und daneben Workshops zu veranstalten, wo ich Menschen helfen möchte, ihr kreatives Potenzial zu entwickeln.” Tucson ist Arjen nach fast zwanzig Jahren zu eng geworden. Am liebsten würde er in Aix-en-Provence in Südfrankreich leben. In Tucson zu bleiben kann er sich aber vorstellen – unter einer Bedingung: “Für eine Frau würde ich das tun – liebevolle menschliche Beziehungen sind das Wichtigste im Leben.”

www.aryenhart.com