Beim Malen kommt der Geist zur Ruhe

Farben
Farben

„Malen ermöglicht es, Druck abzulassen, den Geist zur Ruhe kommen zu lassen“, sagt Regina Pillgrab, die in ihrem Atelier Vogelfrei im Zentrum von Linz malt und auch diverse Kurse veranstaltet. Das stimmt, stelle ich nach einem Abend in der freien Malgruppe fest. Anfangs war ich skeptisch: Ich und malen? Ich bin auf Worte fixiert, und die sollen bitte über die Tastatur raus. Meine Handschrift ist grauenhaft, unlesbar, und nach drei Zeilen bekomme ich einen Krampf in der Hand. Malen … nun ja, außer hin und wieder Kritzi-Kratzi an die Ränder von irgendwelchen Unterlagen, das der Langeweile entspringt oder dem Bedürfnis, die Hände irgendwie zu beschäftigen, ist

Malen befreit!
Malen befreit – die Tochter und mich!

malerisch noch nicht viel herausgekommen bei mir. Umso spannender der Abend, zu dem mich Regina eingeladen hat. Eine Aufwärm-Übung nimmt einem den Respekt vor dem leeren weißen Blatt. Nun schon wesentlich entspannter geht’s los mit dem eigenen Bild. Und siehe da – es fließt. Gouache, Acryl, Wachsmalstifte,

Pastellkreiden … so eine Fülle von Farben, am liebsten möchte man alles ausprobieren! Die Gedanken sind ganz bei der Sache und die Hände freuen sich, auch einmal etwas gestalten zu dürfen (das tun sie sonst eher beim Kochen). Fazit nach eineinhalb Stunden: Ein paar weiße Blätter sind nun farbig, ich bin entspannt, gut gelaunt und neugierig geworden auf Reginas Maltherapie-Stunde.

„Ich wollte keinen Chef mehr!“

Regina Pillgrab - Atelier Vogerlfrei
Regina Pillgrab – Atelier Vogerlfrei  (Foto: Renate Billensteiner)

Vogerlfrei. So nennt Regina Pillgrab ihr Atelier im Zentrum von Linz, seit drei Jahren ihre Arbeitsstätte. Dort malt sie ihre Kraftbilder, dort hält sie Malkurse ab, für Kinder und Erwachsene, und dort kann man auch Maltherapiestunden besuchen – allein, oder in einer Gruppe. „Mit Vogerlfrei verbinde ich: Frei sein wie ein Vogerl, sich von inneren Zwängen befreien, sein eigenes Vogerl annehmen und lieben lernen “, sagt Regina.

Die 42jährige gelernte Grafikerin hat vieles ausprobiert, bevor sie sich dazu entschloss, sich selbständig zu machen: 15 Jahre in vielen verschiedenen Firmen als Grafikerin, dann eine dreijährige Ausbildung in Mal- und Gestaltungstherapie in Wien, einen Lehrgang in Anlehnung an Arno Stern für Kindern und Jugendlichen an der Kunstuniversität in Linz.

„Erstaunlich, dass sich in dem System noch so viele zurechtfinden“

Kraftbild von Regina Pillgrab
Kraftbild von Regina Pillgrab

Die Arbeit im sozialen Bereich habe ihr immer gefallen: Ehrenamtlich hat sie Maltherapiestunden für Psychiatrie-Patienten an der Landesnervenklinik Wagner Jauregg gehalten: „Das war nicht immer ganz einfach, weil Menschen mit unterschiedlichen Krankheitsbildern und Problemen in einer Gruppe beisammen waren und jede Woche wechselten. Ich wusste im Vorhinein nicht, wer kommt. So war es meine Aufgabe, in relativ kurzer Zeit für die Menschen ein sinnvolles Angebot zu machen“, sagt Regina, „besonders gefreut hat es mich, wenn die Teilnehmer der Maltherapie-Stunden am Schluss gelacht haben.”

Fasziniert habe sie auch der Job bei Pro Mente, wo sie jugendlichen Burschen mit psychischen Beeinträchtigungen dabei half, den Tag sinnvoll zu gestalten. Jene Bewohner, die es schafften, sich am Arbeitsmarkt zurechtzufinden, waren tagsüber weg, jene, die es nicht schafften, bei Regina in der CopyBox, wo kleine grafische Arbeiten und Kopieraufträge oder Ähnliches übernommen wurden. Wenn sie von der Arbeit mit psychisch Kranken erzählt, dann mit tiefer Wertschätzung und Respekt. „Sie schaffen es halt nicht, sich in diesem System zurechtzufinden. Dass das so viele noch können, finde ich ohnehin erstaunlich“, sagt sie. Meist sei es ihr gelungen, eine Vertrauensbasis zu schaffen, oft haben sich ihre Schützlinge ihr gegenüber geöffnet und ihr Dinge erzählt, über die sie mit ihren Therapeuten nicht gesprochen hätten. „Das war oft anstrengend und fordernd, aber auch eine sehr schöne Aufgabe.“

„Sich wandeln und weitergehen“

Ateliereröffnung ganz offiziell -  ein Jahr nach der Gründung mit dem “Taferl-Fest”.
Ateliereröffnung ganz offiziell – ein Jahr nach der Gründung, mit dem “Taferl-Fest”.

Der lange krankheitsbedingte Ausfall eines Kollegen, die Last, die sie deshalb allein zu tragen hatte und das fehlende Verständnis seitens des Arbeitgebers, der ihre Überlastung nicht erkannte und ihre Arbeit nicht wertschätzte, haben sie schließlich dazu bewogen, zu kündigen. Damals war ihr klar: „Ich will keinen Chef mehr!“ Von dieser Entscheidung bis zum eigenen Atelier brauchte es noch einige Zeit: „Zweifel hatte ich keine, aber großen Respekt vor der Selbständigkeit“. Das Gründerprogramm des AMS und verschiedene Angebote des VfQ – Gesellschaft für Frauen und Qualifikation  – habe ihr schließlich geholfen, ihre Geschäftsidee zu schärfen und mit dem entsprechenden Selbstbewusstsein und Know how an das Projekt heranzugehen. Nach drei Jahren ist sie nun sicher, dort gelandet zu sein, wo sie hin wollte. „Es gab immer wieder Phasen des Zweifels, vor allem, wenn es finanziell eng war. Aber ich habe gelernt, mit Geduld an die Sache heranzugehen“. Vor allem die Werbung empfinde sie manchmal als anstrengend. „Am Anfang habe ich so viele Termine ausgeschrieben und war enttäuscht, wenn die Kurse nicht alle ausgebucht waren“, sagt sie. Jetzt sei sie zur Ruhe gekommen – das strahlt sie auch aus. Und: Sie ist ihr eigener Chef. Ziel erreicht? „Solange ich meine Ideen umsetzen kann und Menschen meine Arbeit für sinnvoll erachten und meine Leistung in Anspruch nehmen, bin ich zufrieden. Ein Ziel ist für mich ein Abschluss, das sehe ich hier nicht. Es ist ein immer währendes sich Wandeln und Anpassen – offen und neugierig weitergehen.“

Atelier Vogerlfrei – Raum für kreativen Ausdruck

Vogerlfrei

Bild: Regina Pillgrab (ca. 30 x 40 cm, Technik: Gouache mit Aquarellkreiden und -stiften, teilweise Pastellkreide).
Bild: Regina Pillgrab (ca. 30 x 40 cm, Technik: Gouache mit Aquarellkreiden und -stiften, teilweise Pastellkreide).

 

Die Bilder der oö. Künstlerin Regina Pillgrab werden in nächster Zeit als Farbtupfer diesen Blog und unseren Alltag bereichern! Ich könnte sie stundenlang betrachten, sie verzaubern, faszinieren und machen genau das, was dieser Blog will: Color your life bright! Danke, Regina! Mehr über Regina in Kürze auf diesem Blog – mehr zu ihrem Angebot auf www.vogerlfrei.at.

 

Aussteigen für Anfänger – Einwandern im Südburgenland

Aussteigen für Anfänger„In den Medien hört man von einer Journalistin, die sich ein Jahr lang kein neues G’wand gekauft hat und darüber ein Buch geschrieben hat. Mit demselben Inhalt hätten wir jetzt schon mehrere Bücher zusammen“, schreibt Ingrid Weber in ihrem vor Kurzem erschienenen Buch Aussteigen für Anfänger – Einwandern im Südburgenland.

Ingrid, 1959 in Graz geboren, und ihr Mann Gerhard haben es gewagt: Sie haben 2007 ihre Jobs gekündigt, ihr Haus in Niederösterreich verkauft und sich im Südburgenland niedergelassen. Dort betreiben sie eine kleine Landwirtschaft mit Schafen, Hasen, Hühnern, Enten, Bienen und fallweise noch anderem Getier, bauen Gemüse an und versuchen, als Selbstversorger zu leben. In ihrem Buch beschreibt Ingrid Weber den nicht immer einfachen Weg dorthin: Von den landwirtschaftlichen Erfahrungen, die sie sich erst aneignen mussten, über die anstrengende körperliche Arbeit bis hin zu den vielen schönen Begegnungen mit den Menschen im Südburgenland, dem Leben fernab vom Großstadtlärm und -stress im Einklang mit der Natur.

Das Grundstein zum „anderen“ Leben war wohl schon lange gelegt – so schreibt die gelernte Übersetzerin und Englischlehrerin, dass ihr die Freizeit „immer wichtiger war als Geld“. Mit dem Aussteigen geliebäugelt hatten sie und ihr Partner, der als Maschinenbautechniker im Büro einer Wiener Herstellerfirma gearbeitet hatte und dem der Arbeitsstress zunehmend gesundheitliche Probleme bereitete, schon länger: Immer wieder hatten sie sich auf Reisen die Frage gestellt, wie es wohl wäre, für immer dort zu bleiben. Als die Pächter ihres Grundstücks im Burgenland, das aus Gerhards Familie stammt, plötzlich den Pachtvertrag kündigten, betrachteten die beiden das als „Wink des Schicksals“ und überlegten konkret, wie sie ihren Einstieg in ein neues Leben bewerkstelligen sollten. Ingrid Weber schildert unterhaltsam in einfacher Sprache, in die auch immer wieder der Dialekt einfließt, die verschiedenen Überlegungen, das Für und Wider, die Schwierigkeiten und die schönen Erlebnisse auf dem Weg zum eigenen Niedrigenergiehaus mit Landwirtschaft im Südburgenland.

Fazit: „Ich möcht’s nicht mehr anders haben, könnte mir einen Tages-/Jahresablauf ohne unsere Tiere nicht mehr vorstellen.“ Das Experiment bezeichnet sie als geglückt und die „Tatsache, dass wir beide dieselben Träume hatten und gemeinsam den Weg gehen wollten, ist sicher eines unserer offenen Erfolgsgeheimnisse“.

Ihre Erlebnisse rund ums neue Leben hält Ingrid Weber seit 2007 in ihrem Blog fest – nun ist ein Buch daraus entstanden.

Am Schluss des Buches zeichnet Weber die Geschichten einiger Menschen nach, die in der Gegend rund um Güssig den Einstieg in ein ruhigeres, selbstbestimmtes Leben gewagt haben. Das Südburgenland – eigentlich ein klassisches Auswandererland – scheint für derlei Sehnsüchte ein idealer Landeplatz zu sein.

Ingrid Weber: Aussteigen für Anfänger – Einwandern im Südburgenland. Novum Verlag, 2015. ISBN: 978-3-99038-816-7