Dagmar und Joachim Genth: „Wir haben unsere eigene Nische entworfen…“

Alisseos-Hügel
Aussicht vom „Alisseos-Hügel“ (Foto: Dagmar Genth)

Ein Haus inmitten von Olivenhainen, am Mittelfinger des Südpeloponnes in der schroffen Landschaft der Mani, an einen Hügel geschmiegt, mit Blick auf das Meer, den blauen Himmel, den endlosen Horizont. Im Garten eine unüberschaubare Anzahl an Katzen und Hunden und ebenso viele Futternäpfe mit allerlei Fressbarem. Dahinter eine kleine Kapelle, Alisseos, dem Sonnengott, gewidmet. So wohnt die Familie Genth. Joachim, kurz Jogi, der Arzt aus Berufung, dem seine Freiheit über alles geht. Seine Frau Dagmar, die leidenschaftliche Fotografin, Tierschützerin und Improvisateurin des Alltags und Sohn Thimo, 19, der sein ganzes Leben in der Mani verbracht hat, ohne Sport nicht sein kann und Meeresbiologie studieren will. Dagmar und Jogi, beide aus Bonn, haben sich vor 25 Jahren in der Mani kennen und lieben gelernt. Dagmar: „Nach sechs Monaten bin ich ohne Überlegung und klare Pläne hierhergezogen.“ Jogi: „Wir lebten von der Hand in den Mund – und das war gut so. Den Verkauf von Olivenöl haben wir erst professionalisiert, als Thimo zur Welt kam.“ Als die Produktion immer professioneller wurde und der Kundenstock größer, brauchte das Öl einen Namen – und heißt seither wie der Name des Heiligen, dem die kleine Kapelle gewidmet ist: Alisseos. Die Genths sind in der Mani mittlerweile anerkannte Experten in Sachen Olivenöl und haben in Deutschland und Österreich einen treuen Kundenstock, der neben der hohen Qualität auch den persönlichen Bezug zur Mani und den Kontakt zu den Produzenten schätzt.

Joachim Genth
Joachim Genth: „Noch einmal aussteigen? Kein Problem! Ich klebe ja nicht. Und sollte ich doch an irgend etwas kleben, so weiß ich, dass es möglich ist, da wieder rauszukommen.“ (Foto: Dagmar Genth)

Jogi: „Aussteigen heißt frei sein!“

Er hatte das Medizinstudium abgeschlossen und stand mit Anfang 30 am Anfang einer vielversprechenden Universitätskarriere im Bereich der Neuropathologie. Dann der erste Bruch: „Als das Ziel einer Professur in einem hochinteressanten Bereich der Neurowissenschaften und Psychiatrie unmittelbar greifbar war, wollte ich nicht mehr. Mein Leben war zu diesem Zeitpunkt schon viel zu durchgeplant … das konnte ja wohl nicht alles sein! Also verließ ich die Uni, ich verließe meine Frau, öffnete mich einer neuen Liebe und war FREI!“ Er vagabundierte mit seinem selbst ausgebauten VW-Bus durch Europa, kehrte zwischendurch immer wieder nach Deutschland zurück, um mit Vertretungen in einer Allgemeinmedizinischen Praxis das nötige Geld zum Leben zu verdienen. Wobei er betont, aus Berufung Arzt geworden zu sein: „Das ist eine Art von Lebensauffassung und Lebensführung – kein Job, kein Beruf wie jeder andere. Und es hat auch mit Geld nichts zu tun!“ Was der inzwischen 70jährige auch jetzt noch lebt: Als die Wirtschaftskrise in Griechenland ihren Höhepunkt erreichte, hat er gemeinsam mit Kollegen ein medizinisches Hilfsprojekt für Mittellose auf die Beine gestellt. Und selbstverständlich ist er für alle da, die einen Arzt brauchen – Einheimische wie Touristen. Ohne Kassenvertrag, ohne Ordination und ohne Honorar.

Ob er das Aussteigen jemals bereut hat? „Nein. Zu keinem einzigen Zeitpunkt, selbst, als es mir einmal nicht gut ging, wäre ich nie zurückgegangen. Das Risiko zu scheitern auf meinem Weg habe ich in Kauf genommen.“

Das Projekt Alisseos ist allerdings weit davon entfernt: Das Olivenöl genügt höchsten Qualitäts- und Geschmacksansprüchen. Die Genths haben sich nicht nur intensiv mit biologischer Landwirtschaft auseinandergesetzt, sie legen auch Wert darauf, dass ihre Oliven schonend von Hand geerntet werden und in modernen, biozertifizierten Ölmühlen gepresst werden. „Ich habe alles, was ich gemacht habe, immer mit großer Freude gemacht – das Meiste habe ich mit großem Interesse und großer Energie gemacht“, sagt Jogi. Olivenbauer aus Leidenschaft, könnte man also annehmen. Jogi verneint: „Ich bin kein Bauer, und die Oliven und der Olivenbaum reizen mich nicht mehr als jeder andere Baum! Im Grunde meiner Existenz bin ich ein Vagabund!“

Dagmar Genth
Dagmar Genth: „Aussteigen heißt für mich, voll und ganz mit Neugierde einzusteigen – sich auf etwas Neues komplett, kindlich, frei einzulassen und das Leben spannend zu finden“. (Foto: Thimo Genth)

Dagmar: „Sich Sorgen zu machen ist Mentalitätssache“

Wer in der Mani urlaubt und dort zufällig Dagmar Genth begegnet, riskiert, mit einem Hundebaby am Schoss zurück in die Heimat zu fliegen. Dagmar engagiert sich nämlich in einem Tierschutzverein und sucht immer wieder Freiwillige, die ihre Schützlinge mit nach Deutschland oder Österreich nehmen, um sie dort ihren neuen Besitzern zu übergeben. Sämtliche Fragen von der Finanzierung des Flugtickets über notwendige tierärztliche Atteste bis hin zum Ort der Übergabe hat sie selbstverständlich bereits gelöst.

Einfach tun, was zu tun ist – das charakterisiert Dagmar Genth vielleicht am besten. So habe sie sich keineswegs bewusst dafür entschieden, Olivenbäuerin zu sein – sie sei in diese Rolle „nur reingewachsen – indem ich das tat, was so jeden Tag erforderlich war – erst aus Neugier, dann mit mehr Know how, auch aus Empathie!“

Leben, wo andere Urlaub machen.
Leben, wo andere Urlaub machen. (Foto: Dagmar Genth)

Vielleicht aus derselben Motivation heraus hat sie schon vorher vieles ausprobiert: Sie hat über Jahre in der Altenpflege gearbeitet nach einem „hochspannenden“ Sozialen Jahr in der Psychatrie, hat mit viel Euphorie vergleichende Literaturwissenschaft studiert, immer wieder Aushilfsjobs angenommen und schließlich als Fotografin gearbeitet.  Auch die Fotografie hätte ein Weg für sie sein können, meint sie. Und bedauert, für die Umsetzung vieler Ideen jetzt zu wenig Zeit zu haben – das sei unbefriedigend. Wobei Dagmar immer noch mit fotografischem Blick durchs Leben geht, was unter anderem für die Vermarktung des Olivenöls von Vorteil ist. Olivenbäuerin zu sein ist kein Job sondern eine Lebensform, meint Dagmar, denn die Aufgaben seien vielfältig und die täglichen Herausforderungen groß – vor allem deshalb, „weil man sehr flexibel sein muss: es gibt immer wieder Überraschungen – positive wie negative!“ Aber: „Sich Sorgen zu machen ist Mentalitätssache – Sorgen kann man sich auch machen, wenn man wohlversorgt ist. Oft sind Einschränkungen notwendig, wir nehmen sie aber nicht als solche wahr. Wir sind umgeben von Menschen, die schon immer ohne viel Rückversicherung oder Rücklagen haben leben müssen. Einschränkung bedeutet nicht den Abstieg auf der sozialen Leiter, sondern ist einfach mit der Hoffnung verbunden, dass wieder bessere Zeiten kommen.“ So wirft die Olivenöl-Produktion erst seit kurzem einen bescheidenden Gewinn ab – das Geld zum Leben kam lange Zeit von Nebenjobs aus Joachims Praxisvertretungen und Dagmars Foto-Arbeiten. Bereut hat sie die Entscheidung für das Leben, das sie jetzt führt aber nie. „Wir haben uns nicht in eine fertige Nische verdrückt – wir haben unsere eigene entworfen – mit einem Risiko, das anderen hoch erscheinen mag!“


Alisseos:

Hohe Ansprüche an Qualität und Geschmack
Hohe Ansprüche an Qualität und Geschmack (Foto: Dagmar Genth)

Seit 1990 betreiben Dagmar und Joachim Genth den Familienbetrieb Alisseos. Auf ihrem Olivenhain in der Mani kultivieren sie rund 500 Olivenbäume der Sorte Koroneiki, einer der ältesten Olivenbaumrassen der Welt. Neben den täglichen Anforderungen, die der Betrieb mit sich bringt, kümmert sich Dagmar um die Organisation und das Marketing. Joachim erledigt den Baumschnitt, gibt der Erntemannschaft das Tempo vor und genießt den fachlichen Austausch mit anderen Bauern und Olivenmühlbesitzern. Mit rund 12-14 Tonnen Olivenöl jährlich ist Alisseos am Limit dessen angelangt, was die Genths zu zweit vermarkten und organisieren können und was in dieser Qualität in ihrer Umgebung produzierbar ist. Zusätzlich zum eigenen Öl wird bei Alisseos auch Olivenöl zugekauft. Sowohl angekauftes als auch das eigene Öl müssen hohe Anforderungen an die Qualität und den Geschmack erfüllen. Neben Jahrgangs-Olivenöl verkaufen die Genths auch andere hochwertige Lebensmittel aus der Mani. Vertrieben werden die Produkte via Internet, durch Joachim Genth persönlich sowie Freunde, die kleine Abhollager betreiben. Mehr Info: www.alisseos.de.