Ingrid Huber: „Mein Körper hat mich geführt“

Ingrid Huber ist keine Aussteigerin. Sie ist gar nie eingestiegen, ins Leben der hunderttausend Kompromisse und Zugeständnisse. Unter vielem, was sie macht, kann man sich zunächst einmal wenig vorstellen: Integrative Körperarbeit. Healing Songs. Von Herzen singen. Trainerin für Stimmentfaltung. Ein Mitsing-Konzert … 

Ingrid Huber (Foto: Danila Amodeo Photography)Musiziert hat Ingrid „schon immer“, Bewegung, das Körpergefühl waren ihr auch wichtig. Da lag es für sie, die „am liebsten schon mit sechzehn von zu Hause losgezogen“ wäre, nahe, nach dem Abitur zumindest einmal nach Wien zu gehen und dort Musik- und Bewegungspädagogik zu studieren. Eine ständig wiederkehrende Angina und diverse Allergien waren während dieser Zeit der Anstoß dafür, sich intensiv mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen, sich für verschiedene Formen der Energiearbeit und komplementär-medizinische Heilungsmethoden zu interessieren.

Nach Kalifornien, um eine „gute Hexe“ zu werden
„Ich gehe nach Kalifornien, weil ich eine gute Hexe werden will.“ Dieser Entschluss nach dem Studium kam für Ingrid buchstäblich „aus dem Hals heraus“, nach einer akuten Mandelentzündung. „Ich wollte das Heilen lernen und herausfinden, wie Gesundheit und Krankheit eigentlich entstehen“. Nach einem halben Jahr Vorbereitung, in dem sie als Restauratorin jobbte, um Geld für die Reise zu verdienen, machte sie sich auf, ins Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten. Warum USA? Wer sich für das alternative Heilen interessiert, orientiert sich üblicherweise doch eher Richtung Asien. „Ich wollte nicht zurück in die Tradition, sondern suchte eine zeitgemäße moderne Weise, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen“, erklärt Ingrid. Kalifornien schien ihr dafür ein guter Platz zu sein, und so packte sie ihr Akkordeon ein und machte sich auf nach Los Angeles, wo sie die erste Zeit bei einer hilfsbereiten und gastfreundlichen Dame unterkam, die sie ein paar Monate zuvor beim Urlaub auf Kreta kennen gelernt hatte. Nach ein paar Wochen der Suche und einem Umzug nach San Francisco stieß sie auf das  Ingrid Huber (Foto: Danila Amodeo Photography))Esalen Institut an der Küste Kaliforniens, wo sich seit den 1960er Jahren aus der Human Potential Bewegung heraus die Esalen Massage und Bodywork entwickelt hatte. „Das ist es!“ beschloss Ingrid und hatte das Glück, einen Job in der Küche des Zentrums zu finden. Als Gegenleistung durfte sie die Ausbildung machen. „Die Zeit war wundervoll, ich war erfüllt und inspiriert von den Begegnungen mit herausragenden Lehrern und Lehrerinnen für Körperarbeit, Meditation, Therapie und Spiritualität“, erzählt sie. Nach einer kurzen Rückkehr nach Wien ging sie in die USA zurück und schloss eine Ausbildung zum Practitioner of Body-Mind Centering in Massachusetts an.
In den USA hat sie sich wohlgefühlt, nach Europa keinerlei Heimweh verspürt. Die Bürokratie, die unendlichen Mühen und Schwierigkeiten, die man in Kauf nehmen muss, um eine Green Card zu erhalten, waren schließlich der Grund, doch wieder nach Wien zurückzukehren. „Ich bin bewusst als Europäerin nach Europa zurückgekehrt“, betont sie. „Ich dachte, es könnte ja meine Aufgabe sein, die Weite, die ich in den USA erlebt habe, nach Europa zu bringen. So bin ich an die Sache herangegangen und das fühlt sich heute noch stimmig an!“

Körperarbeit und Singen
Logisch wäre nach ihrer Ausbildung eine Arbeit als Musikschulpädagogin gewesen. Diesen Weg hat sie anfangs auch eingeschlagen, jedoch sehr bald entschieden, sich selbständig zu machen. Mittlerweile hat sie zwei Standbeine: Einerseits die Integrative Körperarbeit, in der sie mittels Berührungen, Gesprächen, einer aus den verschiedenen Ausbildungen und Erfahrungen in Zusammenarbeit mit einem Partner entwickelten Methode ihre Klienten zu einer „Kommunikation mit dem eigenen Körper auf sehr tiefer Ebene“ begleitet. Der Körper biete sehr viele individuelle Antworten – „wir können unglaublich viel Information aus uns selbst schöpfen“, sagt sie. Sie betreut neben Einzelkunden auch Gruppen und arbeitet zum Beispiel für Krankenhäuser, wo ihre Arbeit den oft physisch und psychisch belasteten Angestellten helfe, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und besser auf sich zu achten.

Daneben veranstaltet sie Singabende, wo es in erster Linie ums gemeinsame Erlebnis, den Akt des Singens geht: „Alle können teilhaben, man muss keine Noten lesen können und auch nicht besonders musikalisch sein“, sagt Ingrid, „die Freude am Singen lässt die Dankbarkeit fürs Leben und die Offenheit der Herzen wachsen!“ In ihren Workshops und Einzeltrainings verbindet sie ihren speziellen Zugang zur Körperarbeit mit dem Singen und Tönen und möchte damit den Teilnehmern wiederum helfen, einen Zugang zu ihrem Körper, ihrer Stimme, ihrer Gesundheit zu finden.

Neben traditionellen überlieferten Liedern aus verschiedenen Kulturen komponiert sie ihre „Healing Songs“ auch selbst. Das freie Improvisieren bestimmt ihre Art des Musikmachens – auch vor Publikum.
Wie lebt man mit mehreren, selbst kreierten Berufen? „Mein Leben ist reich, vielfältig und erfüllt!“ Was Ingrid macht, macht sie gern und ohne Kompromisse. Auf einen Kompromiss hat sie sich trotzdem eingelassen: Sie lebt – obwohl sie sich selbst als Nomadin sieht – mit ihrem Mann und ihren beiden Jungs, die 11 und 13 Jahre alt sind, schon seit 15 Jahren in Graz. Der jüngere Sohn ist übrigens dafür verantwortlich, dass die Familie ein Haus mit Garten bewohnt: „Er hat mir schon im Bauch zu verstehen gegeben, dass er die Geborgenheit, die Sesshaftigkeit braucht. Unsere Studentenwohnung, in der wir zu dieser Zeit gewohnt haben, wäre nichts für ihn gewesen.“ Ingrid genießt das schöne Wohnen und den Garten, betrachtet es aber als Geschenk auf Zeit: „Besitz ist kann vergänglich sein. Wir können uns niemals 100prozentig sicher sein, wo wir leben, was wir besitzen und wohin uns das Leben trägt. Angesichts der Flüchtlingsthematik ist mir das auch in Bezug auf mein Leben sehr stark zu Bewusstsein gekommen!“

Zum Reinhören: Paradise Now! 12 Healingsongs von Ingrid Huber.

Mehr Info zur Integrativen Körperarbeit: http://www.momente.cc

Ingrid Huber (Foto: Ingrid Huber (Foto: Danila Amodeo Photography)

Flüchtlinge: Wie man helfen kann

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Spendenaufrufe und Solidaritätskundgebungen auf Facebook teilen, Hasspostings kontern, spenden, Deutschkurse geben… können wir helfen, die Situation der Flüchtlinge in Österreich zu verbessern? Ja. Aber wir haben auch gewählt und dürfen uns erwarten, dass jene, die unser Mandat haben, etwas tun.

Mehr als 70 Menschen sind gestern in einem LKW an der burgenländisch-ungarischen Grenze gefunden worden. Tot. Seit mehreren Tagen schon. Und was sie vor ihrem Tod erlebt haben, möchten wir uns lieber nicht vorstellen. Rund um mich herum: Betroffenheit. Solidaritätskundgebungen, Leserbriefe und Postings, die zum Ausdruck bringen, wie grauenhaft, wie inakzeptabel diese Situation ist.

Manches teile ich auf Facebook, bei manchem Aufruf zur Hilfe beteilige ich mich. Doch das Gefühl, eigentlich nichts getan zu haben, etwas tun zu müssen, was die Situation grundlegend ändert, bleibt. Wir bringen KIeidung, Spielsachen, Koffer und andere Dinge, die wir ohnehin nicht mehr brauchen, zu einer Sammelstelle. Nach langer Überlegung. Denn auch in der unmittelbaren Umgebung sind Flüchtlinge untergebracht, man könnte sie auch direkt besuchen. Doch was dann? Werden sie die Sachen aufteilen? Brauchen sie überhaupt alles, was gebracht wird? Man sieht die Müllberge in Traiskirchen und beginnt zu zweifeln. Organisierte Spenden, beziehungsweise eine gezielte, organisierte Verteilung ist wahrscheinlich besser und zielführender als gut gemeinte private Initiativen.

Andererseits: Jeder kann helfen, wie eine Freundin eindrucksvoll bewiesen hat: Sie hat Willkommenspakete für mehr als 100 Männer organisiert und ihnen überreicht. Die Männer sind derzeit in zwei Linzer Schulen untergebracht. Ganz bewusst hat sie die unmittelbare Umgebung eingebunden und so vielleicht dazu beigetragen, dass sich die ängstliche, abwehrende Haltung des einen oder anderen zu einer wohlwollenden, verständnisvollen wandelt. Jede positive Geste den vielen Menschen gegenüber, die so Schlimmes erlebt haben und nach Europa kommen, in der Hoffnung, hier neu anfangen zu können, ist gut. Auch wenn wir uns nicht annähernd vorstellen können, was diese Menschen erlebt haben, so ist doch klar: Ankommen, das Erlebte verarbeiten, mit viel Kraft einen neuen Anfang wagen trotz vieler Schwierigkeiten ist leichter, wenn man willkommen ist. Wenn man ein Lächeln zur Begrüßung sieht, vielleicht ein kleines Willkommenspaket erhält und einen trockenen, sauberen, sicheren Platz zum Schlafen hat.

„Wir haben gewählt“, sagt mein Mann, „und ich darf mir von jenen, die unser Mandat haben, erwarten, dass sie in unserem Sinn handeln. Dass sie alles unternehmen, um die Situation zu ändern.“ Er hat vielleicht recht.

Jeder muss tun, was er kann. Verstehen, dass Hasspostings niemandem helfen, ist für manche ein großer Schritt. Geben, was man selbst nicht braucht, ist einfach. Geben, was man gerade noch entbehren kann, schon schwieriger. Auf etwas zu verzichten ziehen sehr wenige in Betracht.

Killerfrage: „Würden Sie eine Flüchtlingsfamilie bei sich zu Hause aufnehmen?“ Ich habe keine Flüchtlinge in meine Wohnung aufgenommen. Und doch: Wenn alle dazu bereit wären, wären Zustände wie derzeit in Traiskirchen vermeidbar. Trotzdem brauchte es eine Lenkung, eine Kontrolle und Lösungen. Dafür haben wir unsere Verantwortlichen gewählt.

Iran – ein Land voller Geschichte(n), doch am Ende ist es meine eigene Geschichte, die ich schreibe

Per Autostopp von Wien nach Indien … mit wenig Gepäck, dafür umso mehr Neugier und Offenheit für Neues. Lesenswerter Blog!

Weg nach Indien

Meine Inspiration war heute leider nicht allzu hoch – liegt wohl an der Hitze – darum ist aus dem Plan viele Geschichten ueber den Iran zu schreiben nur meine eigene Geschichte im Iran geworden. Vielleicht kann ich manche noch im Blog verewigen, ansonsten muesst ihr mich wohl persoenlich danach fragen😉

Mehr als zwei Wochen bin ich nun schon im Iran und doch schafft es dieses Land und seine Menschen mich immer wieder aufs Neue zu ueberraschen … Wie viel wusste ich ueber den Iran bevor ich hierher kam? Sehr wenig bis nichts, aber von anderen Reisenden hatte ich schon viel ueber die Gastfreundschaft hier gehoert. Rueckblickend kann ich diese Einschaetzung des Irans nur bestaetigen und sagen, dass die Menschen im Iran die freundlichsten meiner bisher bereisten Laender sind. Ich habe aufgehoert zu zaehlen, wie oft ich auf der Strasse schon „Welcome to Iran“ gehoert habe.

Es ist schwer sonst…

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Eche Wregg: Colibri oder nicht– das ist hier die Frage …

Eche_15.jpgAm Frühstückstisch der Familie Wregg gibt es selbstgemachte Marillen-, Zitronen- und Hagebuttenmarmelade, liebevoll mit selbstgedruckten Etiketten beklebt. „Ich liebe es, im Herbst durch die Wälder zu streifen und Hagebutten zu pflücken“, sagt Eche Wregg. Am Balkon wuchern die Küchenkräuter. Die Wände schmücken Eches Bilder – Kreationen in meist warmen Farben, die mich, ganz der Intention der Künstlerin folgend, in gute Stimmung versetzen. Wenn Eche Wregg erzählt, was sie macht, tut sie das mit großer Begeisterung: Malen, Marmelade einkochen, durch die Wälder und Wiesen streifen, Blockflöte unterrichten, Musizieren, Konzepte für Musikvermittlungsprogramme schreiben… Wer es schafft, sein Leben so maßgeschneidert nach seinen Talenten und Leidenschaften zu gestalten, muss ein Colibri sein. Oder nicht?

IMG_7017Als Colibris bezeichnen wir in diesem Blog ja jene, die genau das machen, und dafür manchmal einiges riskieren: Einsteigen, Aussteigen oder Umsteigen etwa, wie man es nennt, ist eine Frage der Perspektive.

Kindheit im Land der Colibris

Bei Eche ist das anders, mit den Colibris. Die kleinen bunten Brummvögel, die es nur am amerikanischen Kontinent gibt, haben sie schon in Chile fasziniert, wo sie ihre ersten neun Lebensjahre verbrachte. Den Namen – Eche – hat sie, die eigentlich Edith heißt, von ihren Kindermädchen dort. Als ihre Mutter, eine Salzburgerin, die an der Universität in Concepción Cembalo und Musikphilosophie unterrichtete, von Freunden während der ersten Jahre des Militärputschs eine entsprechende Warnung bekam, verließ sie relativ rasch das Land. Die neunjähre Eche musste mit. Die vier älteren Brüder verließen ebenfalls das Land, der Vater, ein chilenischer Dirigent und Komponist, blieb trotz der Schwierigkeiten unter Pinochet – die Familie war seither getrennt.

Aus der Leere Kraft (© Eche Wregg)
Aus der Leere Kraft (© Eche Wregg)

Musik und Malerei

Eches Talente kreisen rund um die Musik und die Malerei. Beides hat sie schon als Kind fasziniert, in beidem hat sie sich in der Schule engagiert, wie „in allem, was mich begeistert“ … ganz im Gegensatz zu Fächern wie Mathematik, wo ihr die Schulnoten ziemlich egal waren. Nach der Matura hat sie sich für Blockflöte und Jus entschieden. Das Völkerrecht hatte es ihr angetan, wohl auch aufgrund ihrer eigenen Geschichte. Relativ rasch kamen dann die Kinder – zwei Buben zuerst, dann zwei Mädchen. Für die Uni war keine Zeit mehr. Also konzentrierte sie sich auf das Zeichnen. „Zum Malen hat mich ein befreundeter Künstler gebracht, der eines Tages mit Farben und Leinwand in der Tür gestanden ist und meinte, das passe besser zu mir als zeichnen.“ Noch schüchtern fabrizierte sie ihr erstes Bild auf Leinwand – ein Geschenk für ihren Mann. Eine Freundin, die das Bild sah, lud sie ein, eine Ausstellung zu machen. Eche hatte ein Jahr Zeit, um sechzig Bilder zu produzieren. „Das war faszinierend. Aber teilweise ungesund, neben den Kindern konnte ich nur in der Nacht malen. Manchmal kam ich nur auf zwei Stunden Schlaf.“ Aber die positiven Reaktionen bestärkten sie. „Für mich ist es die größte Anerkennung, wenn jemanden eines meiner Bilder so anspricht, dass er möchte, dass es ihn in seinem Leben begleitet.“

 Neue Wege gehen

glam Rock 11.jpgDie Wege anders zu begehen, neue Perspektiven einzunehmen, neue Aspekte zu finden … all das reizt Eche. Die zentralen Elemente in ihren Bildern sind meist Menschen – „sie erzählen über das Leben“ – und Blumen – „als Symbol für Menschen“. Die Titel, die sie oft ins Bild schreibt, lassen wie die Motive selbst für die Betrachter vieles offen – „je nachdem, was man selbst an Erfahrungen und Erlebnissen mitbringt“.

Nachdem das vierte Kind aus dem Gröbsten heraus und Eche Anfang 30 war, begann sie wieder, Blockflöte zu unterrichten und engagierte sich in einigen Musikvermittlungsprogrammen. Der Zugang über mehrere Disziplinen – Kunst, Musik, Literatur – habe sie dabei fasziniert, und als die Bruckneruniversität den Masterlehrgang Musikvermittlung /Musik im Kontext angeboten hat, war Eche dabei.

DSC_1939Wenn sie über ihre Projekte erzählt, dann grundsätzlich mit ansteckender Begeisterung: Das Oboe-Fagott-Festival, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Hannes, Fagottist im Brucknerorchester Linz, organisiert. Die Führung durch die Ausstellung Glam! Ist Musik im Kunstmuseum Lentos, Rossinimania im Rahmen der Pfingstfeststpiele 2014 in Salzburg, ein Vermittlungskonzept für das neugestaltete Brucknermuseum in Ansfelden …, wenn es darum geht, musikalisches Wissen spielerisch und interessant zu vermitteln, ist Eche mit Feuer und Flamme dabei.

Bisweilen anstrengend sei dieses selbst komponierte Freelancer Jobprofil aber schon, meint Eche. Also doch kein Colibri von Geburt an? Will sie etwa aussteigen, aus dem Colibri-Dasein, und einsteigen – ja wo hinein? Auf welche ihrer vielen Leidenschaften würde sie verzichten wollen? Auf das Malen? „Niemals!“ Auf die Musikvermittlungsprojekte: „Kommt nicht in Frage.“ Auf das Unterrichten? „… aber das mache ich so wahnsinnig gerne!“

www.eche.at

Mitten drin im Malen

Die Katze - irgendwie mag ich sie!
Irgendwie mag ich sie!

„ Welches Tier passt zu deiner heutigen Stimmung? Wie geht es dir? Ziehe eine Karte und wähle ein Thema! Und dann: Male!“ In der Maltherapiegruppe im Atelier Vogerlfrei in Linz sind an diesem Abend nur drei Teilnehmerinnen, ich bin eine davon. Anfangs ein bisschen skeptisch – „Brauche ich eine Therapie?“ – ,  bald mitten drin im Malen. Mein Tier ist die Katze. Die Karte, die ich gezogen habe, sagt mir, dass ich Ja zum Leben sagen soll, dann sagt das Leben auch ja zu mir. Gut, damit kann ich etwas anfangen… Und los geht’s: Zuerst ein Hintergrund. Wo soll die Katze hin? Und wie malt man überhaupt eine Katze? Eine schüchterne Skizze, dann ein Versuch. Irgendwie hapert’s beim Übergang vom Kopf zum Körper. Regina, die die Gruppe leitet, macht am Boden die Katzenhaltung nach. Irgendetwas stimmt immer noch nicht. Ein Bild und ein paar Tipps von Regina helfen schließlich, die Katze aus der Perspektive halbwegs hinzukriegen. Zum Abschluss eine Gesprächsrunde, die Teilnehmerinnen stellen ihre Bilder vor. Faszinierend, was sie zu Papier gebracht haben. Regina fragt hin und wieder nach. Sanft bringt sie einen dazu, zu erkennen, was einen beschäftigt, was vielleicht näher betrachtet werden sollte. Meine Katze sieht mir angeblich ähnlich, meinen die anderen. Aha!? Das finde ich zwar nicht, aber irgendwie mag ich sie. Zumindest so sehr, dass ich sie mit nach Hause genommen habe und sie manchmal betrachte. Regina hat recht: „Malen lässt den Geist zur Ruhe kommen.“ Und bringt einen ein Stück näher zu sich selbst, möchte ich ergänzen.

Verdichtung des Klangs – Eche Wregg

Verdichtung des Klangs (©Eche Wregg)
Verdichtung des Klangs (©Eche Wregg)

 

„Verdichtung des Klangs“ ist der Titel dieses Bildes der Linzer Künstlerin Eche Wregg: „Die Titel meiner Bilder lassen wie die Motive selbst für die Betrachter vieles offen – je nachdem, was sie selbst an Erfahrungen und Erlebnissen mitbringen.“ Mehr über Eche demnächst auf diesem Blog!

Beim Malen kommt der Geist zur Ruhe

Farben
Farben

„Malen ermöglicht es, Druck abzulassen, den Geist zur Ruhe kommen zu lassen“, sagt Regina Pillgrab, die in ihrem Atelier Vogelfrei im Zentrum von Linz malt und auch diverse Kurse veranstaltet. Das stimmt, stelle ich nach einem Abend in der freien Malgruppe fest. Anfangs war ich skeptisch: Ich und malen? Ich bin auf Worte fixiert, und die sollen bitte über die Tastatur raus. Meine Handschrift ist grauenhaft, unlesbar, und nach drei Zeilen bekomme ich einen Krampf in der Hand. Malen … nun ja, außer hin und wieder Kritzi-Kratzi an die Ränder von irgendwelchen Unterlagen, das der Langeweile entspringt oder dem Bedürfnis, die Hände irgendwie zu beschäftigen, ist

Malen befreit!
Malen befreit – die Tochter und mich!

malerisch noch nicht viel herausgekommen bei mir. Umso spannender der Abend, zu dem mich Regina eingeladen hat. Eine Aufwärm-Übung nimmt einem den Respekt vor dem leeren weißen Blatt. Nun schon wesentlich entspannter geht’s los mit dem eigenen Bild. Und siehe da – es fließt. Gouache, Acryl, Wachsmalstifte,

Pastellkreiden … so eine Fülle von Farben, am liebsten möchte man alles ausprobieren! Die Gedanken sind ganz bei der Sache und die Hände freuen sich, auch einmal etwas gestalten zu dürfen (das tun sie sonst eher beim Kochen). Fazit nach eineinhalb Stunden: Ein paar weiße Blätter sind nun farbig, ich bin entspannt, gut gelaunt und neugierig geworden auf Reginas Maltherapie-Stunde.

„Ich wollte keinen Chef mehr!“

Regina Pillgrab - Atelier Vogerlfrei
Regina Pillgrab – Atelier Vogerlfrei  (Foto: Renate Billensteiner)

Vogerlfrei. So nennt Regina Pillgrab ihr Atelier im Zentrum von Linz, seit drei Jahren ihre Arbeitsstätte. Dort malt sie ihre Kraftbilder, dort hält sie Malkurse ab, für Kinder und Erwachsene, und dort kann man auch Maltherapiestunden besuchen – allein, oder in einer Gruppe. „Mit Vogerlfrei verbinde ich: Frei sein wie ein Vogerl, sich von inneren Zwängen befreien, sein eigenes Vogerl annehmen und lieben lernen “, sagt Regina.

Die 42jährige gelernte Grafikerin hat vieles ausprobiert, bevor sie sich dazu entschloss, sich selbständig zu machen: 15 Jahre in vielen verschiedenen Firmen als Grafikerin, dann eine dreijährige Ausbildung in Mal- und Gestaltungstherapie in Wien, einen Lehrgang in Anlehnung an Arno Stern für Kindern und Jugendlichen an der Kunstuniversität in Linz.

„Erstaunlich, dass sich in dem System noch so viele zurechtfinden“

Kraftbild von Regina Pillgrab
Kraftbild von Regina Pillgrab

Die Arbeit im sozialen Bereich habe ihr immer gefallen: Ehrenamtlich hat sie Maltherapiestunden für Psychiatrie-Patienten an der Landesnervenklinik Wagner Jauregg gehalten: „Das war nicht immer ganz einfach, weil Menschen mit unterschiedlichen Krankheitsbildern und Problemen in einer Gruppe beisammen waren und jede Woche wechselten. Ich wusste im Vorhinein nicht, wer kommt. So war es meine Aufgabe, in relativ kurzer Zeit für die Menschen ein sinnvolles Angebot zu machen“, sagt Regina, „besonders gefreut hat es mich, wenn die Teilnehmer der Maltherapie-Stunden am Schluss gelacht haben.”

Fasziniert habe sie auch der Job bei Pro Mente, wo sie jugendlichen Burschen mit psychischen Beeinträchtigungen dabei half, den Tag sinnvoll zu gestalten. Jene Bewohner, die es schafften, sich am Arbeitsmarkt zurechtzufinden, waren tagsüber weg, jene, die es nicht schafften, bei Regina in der CopyBox, wo kleine grafische Arbeiten und Kopieraufträge oder Ähnliches übernommen wurden. Wenn sie von der Arbeit mit psychisch Kranken erzählt, dann mit tiefer Wertschätzung und Respekt. „Sie schaffen es halt nicht, sich in diesem System zurechtzufinden. Dass das so viele noch können, finde ich ohnehin erstaunlich“, sagt sie. Meist sei es ihr gelungen, eine Vertrauensbasis zu schaffen, oft haben sich ihre Schützlinge ihr gegenüber geöffnet und ihr Dinge erzählt, über die sie mit ihren Therapeuten nicht gesprochen hätten. „Das war oft anstrengend und fordernd, aber auch eine sehr schöne Aufgabe.“

„Sich wandeln und weitergehen“

Ateliereröffnung ganz offiziell -  ein Jahr nach der Gründung mit dem “Taferl-Fest”.
Ateliereröffnung ganz offiziell – ein Jahr nach der Gründung, mit dem “Taferl-Fest”.

Der lange krankheitsbedingte Ausfall eines Kollegen, die Last, die sie deshalb allein zu tragen hatte und das fehlende Verständnis seitens des Arbeitgebers, der ihre Überlastung nicht erkannte und ihre Arbeit nicht wertschätzte, haben sie schließlich dazu bewogen, zu kündigen. Damals war ihr klar: „Ich will keinen Chef mehr!“ Von dieser Entscheidung bis zum eigenen Atelier brauchte es noch einige Zeit: „Zweifel hatte ich keine, aber großen Respekt vor der Selbständigkeit“. Das Gründerprogramm des AMS und verschiedene Angebote des VfQ – Gesellschaft für Frauen und Qualifikation  – habe ihr schließlich geholfen, ihre Geschäftsidee zu schärfen und mit dem entsprechenden Selbstbewusstsein und Know how an das Projekt heranzugehen. Nach drei Jahren ist sie nun sicher, dort gelandet zu sein, wo sie hin wollte. „Es gab immer wieder Phasen des Zweifels, vor allem, wenn es finanziell eng war. Aber ich habe gelernt, mit Geduld an die Sache heranzugehen“. Vor allem die Werbung empfinde sie manchmal als anstrengend. „Am Anfang habe ich so viele Termine ausgeschrieben und war enttäuscht, wenn die Kurse nicht alle ausgebucht waren“, sagt sie. Jetzt sei sie zur Ruhe gekommen – das strahlt sie auch aus. Und: Sie ist ihr eigener Chef. Ziel erreicht? „Solange ich meine Ideen umsetzen kann und Menschen meine Arbeit für sinnvoll erachten und meine Leistung in Anspruch nehmen, bin ich zufrieden. Ein Ziel ist für mich ein Abschluss, das sehe ich hier nicht. Es ist ein immer währendes sich Wandeln und Anpassen – offen und neugierig weitergehen.“

Atelier Vogerlfrei – Raum für kreativen Ausdruck